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NELIO BIEDERMANN
LÁZÁR
Historisch
verbrämter «Kitsch-Porno»
Der Schweizer Schriftsteller Nelio Biedermann hat
mit seinem Roman «Lázár» ein Familienepos geschrieben, in dem er,
über mehr als 50 Jahre hinweg und drei Generationen umfassend, die
wechselvolle Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie erzählt. Sie
beginnt mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie,
dem später das verbrecherische Nazi-Regime folgt. Die Erzählung
endet mit den kommunistischen Zwangsenteignungen, der
Niederschlagung der Ungarischen Revolution und der Flucht der
Familie nach Zürich. Gleich sieben deutschsprachige und zwanzig
ausländische Verlage waren an der Veröffentlichung des
autobiografisch inspirierten Manuskripts interessiert, das dann auch
sehr schnell zum Bestseller avancierte. Ein wenig hat zu diesem Hype
sicherlich auch das jugendliche Alter dieses literarischen
Shootingstars beigetragen, war er doch beim Erscheinen seines
bereits zweiten Romans erst 22 Jahre alt. Die Rezensionen der
Feuilletons hingegen waren konträr wie selten. Während einerseits
euphorisch von «Große Literatur» und «Pageturner» die Rede ist,
stößt beispielsweise ausgerechnet bei der NZZ übel auf, dass hier
eine historische «Schauerkulisse» unbekümmert für einen
«Kitsch-Porno» genutzt würde. Was stimmt denn nun?
Maria, die schöne Baronin, hadert mit ihrem
langweiligen Leben im abgelegenen Waldschloss der Familie Lázár,
frustriert ritzt sich immer wieder mal mit der Rasierklinge ihres
Mannes die Unterarme blutig. Als der fesche blonde Stallbursche ihr
einmal für einen Ausritt in den Sattel hilft, bemerkt er die
Verletzungen, «Warum tun Sie das, Frau Baronin» fragt er irritiert.
«Um zu wissen, dass ich lebe» ist ihre Antwort. Als sie drei Stunden
später vom Ausritt zurück kommt und er den Sattel in den Pferdestall
trägt, folgt sie ihm lächelnd, und bald schon liegen beide nackt im
Stroh. Neun Monate später kommt am 6. Januar 1900 Lajos auf die
Welt, ein blondes Kind mit wasserblauen Augen, von Anfang an
argwöhnisch betrachtet vom Baron. Als das Kind zwei Jahre alt ist,
stellt er endlich die Frage, die Maria schon lange befürchtet hat,
warum Lajos ihm denn so gar nicht ähnlich sieht. Auf eines der
vielen Ahnenporträts an den Wänden deutend macht Maria ihren Mann
darauf aufmerksam, dass dieser männliche Vorfahr dem Kind doch wie
aus dem Gesicht geschnitten sei, - und damit ist dieses Thema denn
auch für immer vom Tisch.
Zwanzig Jahre später berührt der Untergang der
Habsburger Dynastie zunächst nur die Traditionen der Familie, und es
scheint sogar, als ob der inzwischen erwachsene Lajos mit dem
Antritt des Erbes den alten Glanz wieder herstellen kann. Aber seine
Kinder müssen später dann doch miterleben, wie die politischen Umbrüche,
insbesondere das Erstarken des Kommunismus, zunehmend ihr
privilegiertes Leben verändern und völlig neue Anforderungen an sie
gestellt werden. Nelio Biedermann erzählt teilweise aus eigenem
Erleben und aus Gesprächen mit Zeitzeugen, seine Chronik eines
Niedergangs mit ihren unübersehbaren Anklängen an Thomas Mann wirkt
dadurch recht authentisch. Wobei sie stilistisch aus einer absolut
heutigen Sicht geschildert ist, diese moderne Perspektive sei ihm
wichtig gewesen, hat der Autor im Interview erklärt.
Sein Familienepos wird von vielen lebensecht
geschilderten Figuren getragen, deren unterschiedliche Schicksale
man gebannt verfolgt als Leser, wobei Dekadenz und Standesdünkel des
Adels wie auch die ungehemmten Triebe der schillernden Figuren als
Leitmotive fungieren. Es gibt etliche Ungereimtheiten in der
Erzählung, die man teilweise als mystische Einsprengsel deuten könnte.
Überwiegend kurze, fahrig wirkende Abschnitte wechseln sich ab mit
breit ausgewalzten Beschreibungen, ein unausgewogener Stil, der den
Lesefluss erheblich stört. «Sex sells» scheint die peinliche Devise dieses Romans zu sein, die
denn auch prompt in der Neuen Züricher
Zeitung zu Recht als «Porno-Kitsch» gebrandmarkt wird. Bildet etwa
genau das den wahren Grund für den völlig unverständlichen Hype um
diesen weitgehend missratenen, aber von Teilen des Lesepublikums
euphorisch gefeierten Familien-Roman?
1*
miserabel - Bories vom Berg - 11. Mai 2026

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