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ANNE CATHERINE BOMANN
AGATHE
Amüsante
Arzt/Patienten-Umkehr
Die dänische Schriftstellerin und Psychologin
Anne Catherine Bomann hat ihren Debütroman mit dem Titel «Agathe» in
dem ihr vertrauten Milieu der Psychotherapie angesiedelt. Sie
erzählt darin die Geschichte eines altersdepressiven Psychiaters,
der kurz vor dem ersehnten Ruhestand steht und nur noch die
Therapie-Sitzungen zählt, die er zu absolvieren hat bis zur Übergabe
seiner Praxis an einen Nachfolger. Seine Arbeit besteht nur noch aus
Routine, wie er gelangweilt feststellt, denn während der Gespräche
mit seinen Patienten skizziert er geistesabwesend Vögel auf seinen
Notizblock, die je nach den Beschwerden seiner Patienten groteske
Karikaturen von ihnen darstellen. Der 71 Jahre alte, namenlos
bleibende Ich-Erzähler, der im Roman immer nur Doktor genannt wird,
lebt allein und völlig zurückgezogen in seinem kleinen Haus. Er hat
weder zu Bekannten noch zu Verwandten Kontakt und kennt nicht mal
den Nachbarn persönlich, mit dem er schon seit Monaten Tür an Tür
lebt. Außer Klassik-Schallplatten hören hat er auch kein Hobby, er
dämmert schon lange nur noch vor sich hin als menschenscheuer
Einzelgänger. Es lähmt ihn zusätzlich aber auch die völlige Leere,
die er zu erwarten hat im nahenden Ruhestand.
Gleich zu Beginn erzählt der Doktor, dass es
genau achthundert Gespräche sind, die er in den verbleibenden
zweiundzwanzig Wochen noch zu führen hat. Als er morgens in die
Praxis kommt, informiert ihn seine seit fünfunddreißig Jahren bei
ihm arbeitende Mitarbeiterin Madame Surrugue, dass eine
suizidgefährdete deutsche Patientin angerufen habe, die später noch
vorbei kommen wolle, um einen Termin auszumachen. Sie solle die Frau
abwimmeln, weist er sie an, denn in einem solchen Fall reiche die
verbleibende Zeit ja keinesfalls aus. Es wäre deshalb unumgänglich,
dass die Frau sich bei einem anderen Kollegen in die erforderliche,
langwierige Behandlung begeben müsse. Aber Madame Almeida bleibt
hartnäckig, und es gelingt ihr, bei der Sprechstundenhilfe doch noch
einen Termin zu bekommen, allerdings nur unter der Bedingung, dass
die Behandlung durch den Doktor längstens bis zum baldigen Schließen
der Praxis dauern könne, womit die Frau problemlos einverstanden
ist.
Zwölf von achtunddreißig Kapiteln des kurzen
Romans handeln von eben diesen Sitzungen mit der nicht
therapierbaren Madame Almeida, die schon von Psychiater zu
Psychiater weitergereicht worden ist und fest daran glaubt, nur
dieser Doktor könne ihr wirklich helfen. Sie hat bereits einen
Suizidversuch hinter sich, die Narben am Handgelenk sind deutlich
sichtbar. Er möge sie mit «Agathe» ansprechen, bittet sie ihn gleich
zu Beginn, und erweist sich in den folgenden Sitzungen als sehr
lebhafte und unbeirrbare Patientin. Allerdings ist er, gegen das
Berufsethos verstoßend, von ihr schnell fasziniert und fühlt sich
verbotener Weise sogar zu ihr hingezogen. Schlechten Gewissens
verfolgt er sie eines Tage bis zu ihrer Wohnung, oder er entdeckt
sie zufällig in einem Café und beobachtet sie fasziniert im
lebhaften Gespräch mit Freundinnen. In einer amüsanten
Arzt/Patienten-Umkehr gelingt es Madame Almeida unbewusst, den von
ihr hochgeschätzten Doktor aus seiner Lethargie heraus zu reißen,
seine Lebensgeister wieder zu wecken und das Interesse an seiner
therapeutischen Arbeit neu zu beleben.
Erzählt wird diese originelle Geschichte in einer
präzisen, leicht lesbaren und schnörkellosen Sprache ohne
stilistische Mätzchen. Allerdings gerät der Plot am Ende völlig
unnötig ins Kitschige, wenn der lethargische Doktor seinem Nachbarn,
mit dem er nie ein Wort gesprochen hat, beispielsweise plötzlich und
unmotiviert einen Kuchen bäckt und bei der Übergabe dann erst merkt,
dass der Mann taub ist. Oder wenn er den todgeweihten Ehemann seiner
Sekretärin am Krankenbett besucht und von ihm hören muss, er solle
sich wegen seiner eigenen psychischen Probleme einfach selbst mal
nach seiner größten Sehnsucht fragen. Wie auch immer, die Intention
dieses ebenso klugen wie amüsanten Romans wird nachvollziehbar und
überzeugend vermittelt.
3*
lesenswert - Bories
vom Berg - 10. Juli 2025

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