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ALEX
CAPUS
QUERFELDEIN
Stilistisch
ambivalentes Historiendrama
Eine Kneipe mit dem kryptischen Namen «Gasthaus
zur Moskau» liefert den Titel und das innere Gerüst zu einer
Schmuggler-Geschichte, die sich im Kern auf wahre Ereignisse stützt.
In der Gegend von Schaffhausen bildet dieser Gasthof den Treffpunkt
von vielerlei skurrilen Figuren aus dem Dorf Ramsen im Kanton
Schaffhausen, das direkt an der schweizerischen Grenze liegt und
damit natürlich einen Anziehungspunkt für Schmuggler darstellt.
Protagonist des Romans ist der 1903 dort geborene Hilfsarbeiter
Arnold, der sich vor Jahren auf die Wanderschaft begeben hat und,
handwerklich vielseitig begab wie er ist, auch immer wieder ohne
Probleme einen Job gefunden hat.
Als er nach einigen Jahren in Baden-Baden
mithilft, den Zugangsweg zum Casino neu zu pflastern, beschließen er
und seine Kollegen zum krönenden Abschluss ihrer vierwöchigen
schweren Arbeit, abends die Spielbank zu besuchen. Arnold setzt
spontan sein gesamtes in Chips umgetauschtes Geld auf eine Zahl, die
prompt auch kommt, dann alles auf eine zweite Zahl, die ebenfalls
kommt, und schließlich alles auf eine dritte Zahl, die wieder
gewinnt. Nun riskiert er noch mal alles und setzt alle Chips auf
Rot, - und auch das kommt! Er hört, vernünftig wie er ist, jetzt
aber auf und schenkt jedem seiner drei dankbaren Kollegen eine
Summe, für die sie ein Jahr lang arbeiten müssten. Steinreich
geworden kauft er die leer stehende Kneipe direkt am schweizerischen
Schlagbaum, die unter seiner umsichtigen Regie schon bald floriert.
Eines Tages kommt auf einem mächtigen Kaltblüter eine junge Frau
geritten, die noch einige andere Pferde mit sich führt. Betty
übernachtet und reitet am nächsten Tag in die Stadt, um einige ihrer
Pferde zu verkaufen. Arnold und sie finden zueinander, sie kümmert
sich auch weiterhin um ihre Pferde und hilft außerdem im Gasthof
mit. Die Beiden heiraten schon bald, sind glücklich und haben,
einschließlich eines Zwillingspaars, schließlich acht Kinder
miteinander.
In der zweiten Hälfte des Romans beobachtet
Arnold Ende 1933 eines Tages, wie ein junger Mann mit zwei großen
Taschen auf der Flucht vor dem deutschen Zoll über das benachbarte
Feld läuft, wohin ihm die Zöllner nicht folgen dürfen. Es stellt
sich heraus, dass der bärenstarke Hermann ein böhmischer Schmuggler
ist, der die Zöllner von beiden Seiten zur Verzweiflung bringt, weil
sie ihn nie zu fassen bekommen und er sie aus sicherer Entfernung
auch noch mit hämischen Gebärden ärgert. Clara, die älteste Tochter
der Wirtsleute, verliebt sich prompt in ihn. Auch sie ist sehr
wagemutig und unkonventionell, sie weiß sich sogar körperlich
durchzusetzen, alle Jungs haben großen Respekt vor ihr. Eines Tages
aber folgen fünf Gestapo- und SS-Leute Herrmann auf schweizerischen
Boden, nehmen ihn dort fest und bringen ihn gewaltsam über die
Grenze nach Deutschland, wo er in Untersuchungshaft kommt. Obwohl
Clara wie eine Löwin um ihn kämpft, darf sie ihn wegen
Verdunkelungs-Gefahr nicht einmal besuchen in der Haft.
Dieser Roman ist literarisch vieles auf einmal,
ein amüsanter Historienroman, ein Liebesroman über eine rätselhafte
Pferdenärrin und ihren braven Gastwirt sowie über deren verquere
Tochter Clara, die ausgerechnet mit einem gesuchten Schmuggler
anbandelt. Diese dem realen
Kern der Geschichte hinzugefügte, fiktive Rahmenhandlung hat
teilweise leider den etwas kitschigen Beigeschmack des allzu
Aufgebauschten. Der wirkt umso störender,
als in den letzten Kapiteln die Perspektive plötzlich in die
Ich-Form wechselt und real wirkende Zitate und Auszüge samt
Aktenzeichen aus behördlicher Korrespondenz eingefügt sind. Geradezu
köstlich sind hingegen die stimmigen Dialoge und auch die
Schilderungen der skurrilen Stammgäste im «Gasthof zur Moskau». Ganz
nebenbei reicht der Erzähl-Horizont bis nach Berlin ins Büro von
Joseph Goebbels, der nach dem Grenzskandal um den Besuch der
Schweizer beim groß aufgezogenen Reichsparteitag der Nazis in
Nürnberg bangt, es sind eh nur zwei Dutzend Staaten vertreten.
Trotz seiner stilistischen
Ambivalenz bietet dieser Historien-Roman eine allemal unterhaltsame
Lektüre!
3*
lesenswert - Bories vom Berg - 8. August 2026

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