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JURY
CHALANDON
HERZ IN DER
FAUST
Menschenverachtung
versus Menschlichkeit
Der neue Roman «Herz in der Faust» des
französischen Schriftstellers Sorj Chalandon ist in seinem
Heimatland schnell zum Bestseller avanciert, es ist sein bis dato
zehnter Roman. Auch als Journalist erfolgreich tätig, ist er zuletzt
vor allem als Redakteur der Zeitung «Le Canard enchaîné», der
bedeutendsten satirischen Wochenzeitung in Frankreich, bekannt
geworden. Mit authentischem Hintergrund erzählt er hier die
Geschichte eines Jungen, der als 13Jähriger in eine so genannte
«Korrektionsanstalt» kommt, wo die jugendlichen Insassen derart
brutal behandelt werden, dass ihre Wut darüber in pure Gewalt
mündet. «Unsere Wut war
überbordend, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Kalkül», heißt es im Roman.
Wie schon der Buchtitel es ausdrückt, wurde ihr menschliches
Herz nicht nur symbolisch durch die kämpferische Faust ersetzt.
Der von seinen Eltern verstoßene Jules war zur
falschen Zeit am falschen Ort und wurde, eher Mitläufer als Täter,
in das blasphemisch frech als «Korrektionsanstalt» bezeichnete
Straflager für Jugendliche auf der Zitadelle der bretonischen Insel
Belle-Île-en-Mer eingewiesen. Als Ich-Erzähler berichtet Jules, der
von allen nur «Kröte» genannt wird, von der brutalen Gewalt, die
dort allgegenwärtig ist. Sie wird von heimtückischen Aufsehern und
Kapos ausgeübt, die sadistisch die jugendlichen Insassen misshandeln
und oft völlig grundlos sogar krankenhausreif schlagen, ohne deshalb
je zu Rechenschaft gezogen zu werden. Auch die dort tätige und mit
all den mutwillig zugefügten Verletzungen der Jungens voll
beschäftigte Krankenschwester Sophie kann an diesen vom Direktor der
Anstalt ausdrücklich gutgeheißenen Strafmaßnahmen nichts ändern, -
und der Anstaltsarzt drückt beide Augen zu. Die Kinder und
Jugendlichen müssen Zwangsarbeit leisten und werden gegen Entgelt
sogar extern, zum Beispiel bei Erntearbeiten, eingesetzt. Alle
Ausbruchsversuche sind bisher gescheitert, die Mauern sind hoch, und
wer sie dennoch überwindet, der scheitert spätestens am Atlantik,
denn die Insel zu verlassen ist völlig unmöglich. Gleichwohl, die
verzweifelten jungen Inhaftierten versuchen es immer wieder!
So auch im August 1934, als nach einer Meuterei
56 Jugendlichen eine Massenflucht gelingt, unter ihnen auch der
inzwischen zwanzigjährige Jules. An der Jagd auf die Häftlinge
beteiligen sich auch viele Bewohner der Insel, immerhin ist ein
Kopfgeld von zwanzig Franc auf sie ausgesetzt. Nach und nach werden
alle gefasst, nur Jules nicht. Er kann sich schwimmend mit letzter
Kraft auf ein ankerndes Fischerboot retten, wird dort aber
frühmorgens von dessen Kapitän aufgestöbert, der zum Fang auslaufen
will. Nach kurzem Kampf überwältigt der überraschte Käpt’n den
Ausreißer, bietet ihm aber auch an, als Decksjunge mit zum
Sardinenfang hinauszufahren. Den später eintreffenden vier
Crewmitgliedern erklärt er, Jules wäre sein Neffe, der für den erkrankten
Decksjungen
einspringe. Diese nicht ganz ungefährliche
Fluchthilfe des Käpt'n hat Jules dem Umstand zu verdanken, dass der
Sardinen-Fischer zutiefst verärgert ist über die politischen
Zustände im Lande. Er nimmt Jules auch mit nach Hause, wo der davon
überrascht wird, dass Sophie, die Krankenschwester aus der Anstalt,
die Frau des Käpt’n ist. Das Paar will dem jungen Mann eine
Lebens-Perspektive geben, sie nehmen ihn auf wie Ersatzeltern und
bringen ihn in einem nicht benutzten Zimmer ihres Hauses unter, das
einst das Kinderzimmer ihres mit fünf Jahren verstorbenen Sohnes war.
Der nüchtern und sachlich ohne jedes Pathos, aber
stets wütend und anklagend erzählte Roman bleibt mit seiner
turbulenten Fluchtgeschichte bis zum Ende spannend, ab dem Ausbruch
insbesondere natürlich durch die latent lauernde Gefahr einer
Enttarnung des Protagonisten. Im Original trägt dieser Roman den
Titel «L´Enragé«, was «Der Wütende» bedeutet und darauf hindeutet,
das Jules wirklich nicht nur Opfer ist. Den auf Böses gefassten
Leser erwartet eine hoch emotionale Lektüre, die um das
Gegensatzpaar Menschenverachtung und Menschlichkeit kreist und im
Epilog mit einem durchaus passenden Paukenschlag überaschend stimmig
endet!
4*
erfreulich - Bories vom Berg -
9. Juli 2026

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