|
ANNIE
ERNAUX
DAS EREIGNIS
Autofiktion
aus der Knaus-Ogino-Zeit
Aus dem Œuvre der mit dem Nobelpreis geehrten
französischen Schriftstellerin Annie Ernaux ist, wenn auch mit mehr
als 20jähriger Verspätung, inzwischen auch «Das Ereignis»
auf Deutsch erschienen. In der Begründung der Nobelpreis-Jury von
2022 wird ausgeführt, dass sie geehrt wird «für den Mut und die
klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und
kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt».
Sie sei mit ihrem Werk stilistisch als die «Urmutter der
Autofiktion» anzusehen, wie Dorothea Westphal geschrieben hat, die
meisten ihrer Bücher sind jedenfalls stark autobiografisch geprägt.
Dieses Buch wurde übrigens 2021 unter gleichem Titel verfilmt und
gewann in Venedig den Goldenen Löwen.
Thematisch stehen bei Annie Ernaux die Frauen und
Mädchen der französischen Gesellschaft im Fokus, Buchtitel wie «Eine
Frau» oder «Erinnerungen eines Mädchens» zeugen davon, viele ihrer
«Romane» könnte man durchaus passend auch dem Genre «Autobiografie»
zuordnen. Wobei sie es in ihren Werken geschickt versteht, das
zutiefst Private en passant ins Algemeingültige zu verwandeln. So
auch in dem vorliegenden Band, wobei «Das Ereignis» hier in einer
Abtreibung besteht. Annie Ernaux erzählt davon absolut authentisch,
aus eigenen Erfahrungen als 23Jährige nämlich, als sie 1963 während
des Studiums in Rouen selbst einen Schwangerschafts-Abbruch unter
schlimmsten Bedingungen beinahe nicht überstanden hätte. Mit der
gleichen Thematik wie im vorliegenden Band hatte die aus einfachen
Verhältnissen stammende Annie Ernaux sich übrigens auch schon in
ihrem Debüt-Roman von 1974 mit dem Titel «Die leeren Schränke»
beschäftigt, den sie damals aber noch fiktional erzählt hat, - diese
Thematik hat sie also offensichtlich nicht losgelassen, es war noch
nicht alles gesagt dazu! Was sicherlich an den katastrophalen
Umständen lag, mit denen dieses Thema damals soziologisch und
politisch behandelt wurde. Die Schriftstellerin berichtet in ihren
Buch sehr nachvollziehbar von ihren Zweifeln, ob sie denn
tatsächlich als Ethnologin über diesen Teil ihrer eigenen
Vergangenheit schreiben solle.
In den 1960er Jahren gehörte Abtreibung noch zu
den großen gesellschaftlichen Tabus nicht nur in Frankreich, sie war
schlicht illegal! Bekannte Schriftstellerinnen wie Marguerite Duras
oder Simone Beauvoir und viele andere prominente Frauen bekannten
sich mutig in einem Aufsehen erregenden Manifest im
Nachrichtenmagazin «Le Nouvel Observateur» dazu, gleichwohl eine
Abtreibung gemacht zu haben, auch im «Stern» gab es damals eine
entsprechende Aktion. Die junge Annie Ernaux stieß nicht nur in
ihrer Familie auf kein Verständnis für ihre missliche Lage
geschweige denn auf Beistand oder Hilfe, die Literatur-Studentin
fühlte sich auf ihre schiere Körperlichkeit reduziert. In ihr
Tagebuch notiert sie: «Ich habe das Gefühl, dass ich auf abstrakte
Weise schwanger bin», sie fühlt sich plötzlich sehr einsam.
Moralische Bedenken hat sie nicht, ein Kind würde für sie den
Abbruch des Studiums bedeuten mit allen Konsequenzen. Da ihr nicht
geholfen wird, versucht sie der Schwangerschaft mit Stricknadeln ein
Ende zu setzen, allerdings vergebens. Schließlich landet sie bei
einer «Engelmacherin», verblutet dann beinahe und landet schließlich
im Krankenhaus. Die entsprechenden Textpassagen sind schwer
auszuhalten, dieses Buch ist also nichts für schwache Gemüter!
Gleiches gilt übrigens auch für den Film.
Die Autorin hat erklärt, sie wolle sich
demonstrativ mit diesem Buch all jenen Frauen gegenüber solidarisch
zeigen, die sich in einem ähnlichen Dilemma befinden, - moralischen
Diskursen geht sie dabei ganz bewusst aus dem Wege, auch im Buch
übrigens! Dieser Text aus der Knaus-Ogino-Zeit ist der vielleicht
mutigste der damals von der Gesellschaft stigmatisierten Autorin,
die distanziert, nüchtern und zum Teil lakonisch, aber immer
schonungslos offen ein extrem schwieriges literarisches Terrain
bearbeitet, den Leser damit aber ziemlich fordert!
3*
lesenswert - Bories vom Berg -
22. Juni 2026

© Copyright 2026
|