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MILENA
MICHIKO FLAŠAR
HERR KATO
SPIELT FAMILIE
Psychologisches
Phänomen als Thematik
In ihrem Roman «Herr Kato spielt Familie»
schildert Milena Michiko Flašar, Tochter einer Japanerin und eines
Österreichers, die amüsante Geschichte eines japanischen Pensionärs,
eines Spießers, wie er schrulliger nicht seien könnte. Der Stoff
ihres Buches kreist um das erst seit kurzer Zeit in der Psychologie
wissenschaftlich erforschte Phänomen RHS, das «Retrired Husband
Syndrome». Es betrifft beruflich stark belastete Männer, die nach
der Pensionierung in einen Zustand sozialer Inkompetenz fallen.
Japan scheint mit seinem extrem hohen Druck am sozial kaum
geschützten Arbeitsmarkt dafür besonders anfällig zu sein, die hohe
Suizidrate zeugt davon. Viele der beruflich ausgelaugten Männer sind
dann jedenfalls nicht mehr in der Lage, weiterhin die innerhalb der
Familie erforderliche Emotionalität aufzubringen Und nicht nur in
Japan steigt auch die Scheidungsrate nach der Pensionierung
signifikant an.
Auf dem Heimweg von einem seiner Meinung nach
überflüssigen Arztbesuch, der ihn quer über den Friedhof führt,
beginnt Herr Kato, der sich unbeobachtet fühlt, dort plötzlich wie
ein Affe mit den Armen zu schlenkern und zu tanzen. Dabei lässt er
versehentlich die Untersuchungs-Ergebnisse des Arztes fallen und
trampelt darauf herum. Das wäre nicht passiert, denkt er wütend,
wenn seine Frau endlich mal seine seit dem Kauf noch vernähten
Hosentaschen aufgeschnitten hätte. Plötzlich tritt eine junge Frau
hinter einem Baum hervor und applaudiert ihm. Die Frau erklärt, dass
sie eine Agentur namens «Happy family» für Identitäten betreibt, in
der acht Frauen und drei Männer arbeiten, die ihre Dienste als
Stellvertreter anbieten, die also bei Bedarf ähnlich wie ein Double
für eine andere Person einspringen. Dabei schlüpfen sie in
verschiedenste Rollen, um bei speziellen Anlässen kurzzeitig eine
reale Person zu ersetzen. Sie macht ihm das überraschende Angebot,
dabei mitzumachen, er habe Talent dafür, und gibt ihm ihre
Geschäftskarte. Nach einigen Tagen ruft er sie tatsächlich an. sie
treffen sich in einem Café. Dort bietet sie ihm auch sofort an, in
der Rolle eines 65jährigen Witwers dessen sechsjährigen Enkel und
dessen von ihrem farbigen Mann verlassene Mutter zu besuchen. Weil
der Enkel dunkelhäutig und kraushaarig ist, will der echte Großvater
nichts mit ihm zu tun haben, also muss jemand für ihn einspringen
als vermeintlicher Großvater. Ein andermal wird er von einer Frau
engagiert, die endlich mal, wenigstens für kurze Zeit, mit einem
Mann zusammen sein will, der sie auch mal zu Wort kommen lässt und
nicht ununterbrochen selber redet. Oder er wird für eine
Hochzeitsfeier gebucht, in der sämtliche Gäste von verschiedenen
Agenturen engagiert sind und er in der Rolle des Vorgesetzten der
dem Tod geweihten Braut eine Rede halten muss.
Es sind wahrhaft skurrile Geschichten, die in
diesem leisen Roman erzählt werden. Dessen Protagonist wird nicht
nur als Double, sondern auch in seiner eigenen Ehe mit allerlei
kuriosen Situationen konfrontiert. Als er seinen zehn Jahre älteren,
ehemaligen Kollegen Itō besucht, der früher immer so begeistert von
seinen Motorrad-Touren erzählt hat, ist dessen Haus niedergebrannt.
Die Nachbarin erzählt ihm, Itō sei bei Verwandten untergekommen. Von
ihr erfährt er auch, dass Itō zwar immer an seinem Motorrad
herumgeschraubt habe, aber nie damit gefahren sei und es schließlich
aus gesundheitlichen Gründen sogar verkauft habe. Zu Hause erzählt
er seiner Frau, er habe Itō besuchen wollen, aber der sei gerade
wieder mit seinem Motorrad auf großer Tour.
Im Interview hat die Autorin erklärt: «Die Idee
vom Ruhestand, der einem dann doch keine Ruhe lässt, hat mich schon
jahrelang beschäftigt, wohl weil das ja – sowohl für Jung als auch
Alt – eine grundlegende Thematik ist». In einer unaufgeregten
Sprache und mit großem Respekt für ihre Figuren wird hier davon
erzählt, wie man leben möchte: nahe an der Realität oder doch lieber
so, wie man sich das ganz individuell ausmalt. Erst als
Stellvertreter fremden Lebens vermag Herrn Kato manches Rätsel
seiner eigenen, für ihn fragwürdigen Existenz als Pensionär zu
lösen, - ein narrativ gelungenes Konstrukt mithin für ein
psychologisch aktuelles Phänomen!
3*
lesenswert - Bories vom Berg -
19. August 2026

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