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MICHEL
HOUELLEBECQ
GEGEN DIE
WELT;
GEGEN DAS
LEBEN
Das
Leben ist schmerzhaft und enttäuschend
Von Michel Houellebecq, der als wichtigster
französischer Schriftsteller der Gegenwart gilt, wurde 1991 mit
seinem Essay «Gegen die Welt, gegen das Leben» sein erstes Werk
veröffentlicht. Darin geht es um H. P. Lovecraft, den amerikanischen
Urvater der fantastischen Literatur, der weltweit als der
einflussreichste Autor der Horror-Erzählungen des 20ten Jahrhunderts
gilt. Diesem Sonderling wird ein «kosmischer Horror» attestiert,
dessen Thematik sich um die Angst vor dem Unbekannten und die
Unermesslichkeit des Universums dreht. Bei seinem romanhaften,
fiktional angereicherten Essay über ihn geht es Houellebecq
insbesondere um die visionäre Kraft von Lovecraft, aber auch um
seine Außenseiter-Stellung und die Ursachen für seinen Rassismus.
Indem er dem Amerikaner, den er auf eine Stufe stellt mit Edgar
Allen Poe, literarisch ein Denkmal setzt, entwickelt er die
Grundlagen für seine eigene Poetik und schafft damit einen Schlüssel
zu seinem eigenen, umfangreichen Werk.
Durch das Gesamtwerk des Franzosen zieht sich
kontinuierlich eine immerwährende westliche Dekadenz hindurch, und
man spürt seinen besonders ausgeprägten Sinn für den Zeitgeist. Kaum
ein heutiger Autor ist derart in Skandale und Kontroversen
verwickelt wie Michel Houellebecq. Zu den häufigsten Vorwürfen
gehört dabei die Behauptung, er sei ein Rassist. Als «nouveau
réactionnaire» ist er allerdings wenig daran interessiert, sich
gegen solche Vorwürfe zu wehren, - ganz im Gegenteil , er hat sie in
Interviews sogar häufig bestätigt und weitere Provokationen
hinzugefügt. Außer Rassismus wird ihm aber auch Frauenhass
unterstellt, und als Agnostiker gilt er als besonders
islamfeindlich, sein Roman «Unterwerfung» ist ein beredtes Beispiel
dafür. Sein Image ist geprägt durch seine ebenso häufigen wie
scharfen Attacken gegen den Zeitgeist, Skandale sind erkennbar ein
wichtiger Bestandteil seiner Strategie, sich am Markt weit oben zu
positionieren. Damit ist er zwar ein Mahner, ein Moralist zudem, der
allerdings auf die Ursachen für das weit verbreitete Gefühl
menschlicher Ohnmacht keine Antwort weiß. Er selbst hat sich im
Interview als Autor bezeichnet, der sich mit dem Leiden beschäftigt,
das durch den Nihilismus erzeugt wird. Politisch tritt er öfter mal
ins Fettnäpfchen, so wenn er zum Beispiel behauptet, Napoleon sei
schlimmer als der Gröfaz gewesen, und seine Sympathie für Stalin
rühre daher, dass der ja viele Anarchisten umgebracht habe. Zu
seinen konträren Standpunkten gehören seine Statements zu den
positiven Folgen der Corona-Pandemie ebenso wie die Skepsis den
modernen Medien gegenüber, die massenhaft soziale Kontakte zerstören
würden.
Das vorliegende Essay über H. P. Lovecraft trägt
erheblich zur Legendenbildung um den «Einsiedler von Providence»
bei, die fundamentale Sinnlosigkeit des Lebens hätten nur sehr
wenige Menschen erkannt, glaubt Houellebecq. Und er nennt als dessen
literarische Ingredienzien den «absoluten Materialismus», die
Verwendung von wissenschaftlichen Termini, zudem aber auch ein
Gefühl, es gebe in seinen Schriften etwas, das partout als
nicht-literarisch angesehen werden müsse. Außerdem lehne Lovecraft
Freuds Psychoanalyse ab und spreche verächtlich von dessen «puerilem
Symbolismus».
Gleich zu Beginn wird der Leser im ersten Satz
thematisch eingestimmt: «Das Leben ist schmerzhaft und
enttäuschend». Das gilt auch für dieses enttäuschende Essay, mit dem
sein Autor den Blick auf einen schon lange in Vergessenheit
geratenen Außenseiter mit einer äußerst kleinen Fan-Gemeinde lenkt.
Er identifiziert sich als heutiger Exeget mit fast allem, was
Lovecraft als Degeneration brandmarkt, wobei er in puncto
Misanthropie allerdings hinter ihm zurückbleibt. Aber auch als
Privatmann wird der Visionär aus den USA beschrieben, seine Ehe,
seine Zeit in New York, seine finanziellen Nöte als Schriftsteller,
der nicht veröffentlich wird. Ohne Zweifel dient dieses Essay
Houellebecq als Selbstbestätigung für sein eigenes Schreiben, worin
denn auch der einzige Nutzen für den literatur-interessierten Leser
liegen dürfte.
2*
mäßig - Bories vom Berg -
20. Mai 2026

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