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SIRI HUSTVEDT

 

DAMALS

 

Penetrante Bildungshuberei

 

Als eine der wichtigsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen hat Siri Hustvedt mit ihrem 2019 erschienen Roman «Damals» ein weiteres ihrer autobiografisch geprägten Werke vorgelegt. Deren Thematik kreist, wie auch hier wieder, um die Weiblichkeit in allen ihren Facetten, örtlich eingebettet in die Künstlerkreise New Yorks, im ureigenen Milieu der Autorin also. «Memories of the Future», der Titel des Romans im Original, beschreibt sehr anschaulich, worum es hier geht. Fast vierzig Jahre später nämlich schildert ein Alter Ego der Autorin als Ich-Erzählerin ihre Zeit als 23jährige, angehende Schriftstellerin, die aus Minnesota kommend sich ein Jahr Zeit nehmen will, um in der quirligen Metropole ihren erste Roman zu schreiben, bevor sie ihr Literatur-Studium beginnt.

 

Diese Romanfigur, die von allen Freunden wegen ihrer provinziellen Herkunft nur «Minnesota» genannt wird und von sich selbst in ihren Texten als S.H. spricht, kommt in einem winzigen Zimmer unter und lebt anfangs in äußerst prekären Verhältnissen. Schließlich hat sie Glück, es gelingt ihr, einen Auftrag von einer Dame der Gesellschaft zu erhalten, an deren Autobiografie sie mitirken soll, sie verdient ihr erstes Geld damit, - und schreibt das Buch praktisch alleine. Begierig saugt sie all das Neue auf, das in der Großstadt auf sie einstürmt, verbringt viel Zeit in Bibliotheken und notiert sich vieles in einem Tagebuch, das ihr vierzig Jahre später, als inzwischen etablierter Schriftstellerin, bei ihrem Roman über ihre damalige Zeit als Arbeitsgrundlage dient. Aus der nur durch eine dünne Wand getrennten Nachbarwohnung hört sie die permanenten Selbstgespräche einer Frau, die oft in laute Klagen, Schreie und sogar Gesänge umschlagen und von Gewalt, Misshandlung, Gefangenschaft, Kindstod und sogar Mord handeln. SH benutzt ein altes Stetoskop ihres verstorbeben Vaters, der Arzt war, um besser hören zu können, was die Nachbarin, die sie noch nie gesehen hat, da so mantra-artig von sich gibt, was sich schließlich als eine regelrechte Obsession der Nachbarin erweist.

 

Als Minnesota von einem Mann, den sie in einem Club kennen gelernt hat und der sie danach unbedingt nach Hause begleiten wollte, sexuell bedrängt wird, stürmt die unbekannte Nachbarin in ihr Zimmer und verscheucht ihn zusammen mit zwei anderen Frauen mit einen Besen als Waffe. Sie freundet sich mit Lucy Brite an, lernt auch deren Freundinnen kennen und gerät beinahe in deren verschworenen Hexenzirkel hinein, in dessen okkulten Sitzungen sie ihr abseitiges Weltbild heraufbeschwören. Das war`s denn auch schon mit der Handlung! Was ansosnst stattfindet in diesem Roman sind endlose Diskussionen unter Intellektuellen über philosophische Themen, vom Mysterium der Zeit zum Beispiel, vom Verhältnis der Geschlechter, von dem schmalen Grad, der Erinnerung von Fantasie trennt. Einen breiten Raum nimmt aber auch das Erzählen selbst ein, wobei die Autorin in einem raffinierten Konstrukt ihre Ich-Erzählerin in einen ständigen Dialog mit deren Romanfigur S.H. treten lässt. Dabei geht es ihr um die Frage, wieviel von der damals noch unfertigen Person im heutigen Ich der Autorin steckt. Sie verdoppelt quasi ihr Figur in ein Jung-Ich und ein Alt-Ich und lässt sie sogar in lebhaften Dialogen eifrig miteinander kommunizieren.

 

Um diesen mehr als dürftigen Handlungsrahmen des dickleibigen Buches herum erzählt die Autorin in einer schlichten Sprache von Frauensolidarität und Männerwahn, wobei die versuchte Vergewaltigung vier Jahrzehnte später in der Erinnerung immer noch Unbehagen bereitet. Der im Feuilleton auch wegen der vielen genderbezogenen Klischees sehr konträr besprochene Roman verstört aber insbesondere wegen der penetranten Bildungshuberei seiner Autorin, die hier ein wahres Feuerwerk von abseitigen Fremdwörtern auf den Leser abfeuert und damit auch Akademiker zu ständigen Recherchen zwingt. Ganz zu schweigen übrigens auch vom kaum nachvollziehbaren Sinn und Unsinn ihrer ausufernden philosophischen Ergüsse!

 

1* miserabel - Bories vom Berg - 27. Juli 2025

 

 

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