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DANIEL
KEHLMANN
DU HÄTTEST
GEHEN SOLLEN
Autofiktionale
Schreibkrise
Die Erzählung «Du hättest gehen sollen» von
Daniel Kehlmann thematisiert die Schaffenskrise eines Drehbuchautors
mit Elementen des Horrorfilms, allen voran wird man an «Shining» von
Stanley Kubrick erinnert. Dem
Ich-Erzähler kommt in einem einsam gelegenen, hochmodernen Chalet in
den Alpen die Wirklichkeit abhanden. Das Ganze endet chaotisch, die
Kladde des Drehbuchautors bleibt leer und seine Ehe ist
gescheitert, - oder auch nicht? So ganz sicher ist nichts in dieser
mit phantastischen Elementen angereicherten Erzählung, deren letzter
Satz «Und dabei bin ich erst ganz am» ohne Schlusspunkt endet! Ein
Zeichen der Unfertigkeit, die sich auch an anderen Stellen im Text
dieses unzuverlässigen Ich-Erzählers häufig findet.
Mit Frau und
vierjähriger Tochter hat sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler
für einige Tage ein Chalet gemietet, um Ruhe zu finden für das
Drehbuch eines Films, der als Fortsetzung an den großen Erfolg
seines letzten Spielfilms anknüpfen soll. Aber er kommt über
einzelne Stichworte und Ideen für sein Filmskript,
die er in sein Notizbuch schreibt, nicht hinweg, die auf dem
Schreibtisch bereit gelegte Drehbuch-Kladde bleibt leer. In diesem
92 Seiten langen Büchlein findet sich, wie in vielen seiner anderen
Bücher, auch der Spiegel als beliebtes Metapher des Autors wieder.
Sein Held erkennt sich nicht wieder im Spiegel, er ist seltsam
verzerrt oder überhaupt nicht sichtbar, wirkt wie sein eigener
Doppelgänger, weiß zwischen Original und Spiegelbild nicht mehr zu
unterscheiden. Sogar in dem nächtlich dunklen Fenster seines
Arbeitszimmers sieht er manchmal nicht sein Spiegelbild. Ähnlich
mysteriös erscheinen plötzlich Bilder an den Wänden, wo vorher keine
waren, tauchen an anderer Stelle auf oder zeigen etwas ganz anderes.
Der Schwindel mit der Realität geht so weit, dass er seinen eigenen
Wahrnehmungen nicht mehr traut, die Entfernungen im Haus verschieben
sich, auf nichts ist mehr Verlass. Ein Geodreieck, das ihm der
ziemlich einsilbige Besitzer des Dorfladens beim Einkauf geschenkt
hat, zeigt falsche Winkel an. Sogar das Haus verändert seine
Proportionen, ist plötzlich riesengroß oder wirkt völlig schief
gebaut. Er glaubt schließlich sogar, sich in zwei Wesen aufgespaltet
zu haben, denn wenn er die Hautür öffnet, fürchtet er, selbst davor
zu stehen.
Im Dorf raunt man von unerklärlichen Vorgängen in
dem Chalet und dessen Vorgängerbauten, es soll sogar mal ein Turm an
dieser Stelle gestanden haben. Einige Urlauber seien spurlos von
dort verschwunden, der Ort sei des Teufels. Als der Drehbuchautor
den Vermieter anrufen will, um ihn über seine vorzeitige Abreise zu
informieren, sucht er im Mobiltelefon seiner Frau nach dessen Nummer
und stößt dabei auf eine Textnachricht: «Ich will dich wieder
anfassen», - Absender ist ein gewisser David. Er blättert weiter und
findet viele ähnliche Nachrichten von ihm. Als er seine Frau zur
Rede stellt, verlässt sie nach heftigem Streit das Haus und fährt
mit dem Auto davon. Er sitzt in der Falle und flüchtet mit seiner
kleinen Tochter zu Fuß hinunter ins Dorf, um dort ein Taxi zu
bestellen. Als er fast am Ziel ist, sieht er plötzlich ein
erleuchtetes Haus, muss aber feststellen, dass er vor der Haustür
des gemieteten Chalets steht. «Du hättest gehen sollen», denkt er
sich.
Nach der Lektüre stellt man sich unwillkürlich
die Frage, ob diese Erzählung autofiktional ist, ob Daniel Kehlmann
hier seine eigene Schreibkrise schildert. Weder der Plot kann
überzeugen noch die wenigen Figuren in diesem literarischen
Kammerspiel. Eine besonders schwache Figur ist die der Ehefrau,
einer ebenso berühmten wie attraktiven Schauspielerin, die einen
akademischen Abschluss in Deutscher Philologie hat und ihrem Mann
intellektuell überlegen ist. Sie bleibt als Figur völlig blutleer,
die durch ihre Untreue ausgelöste Ehekrise wird lapidar in wenigen
Sätzen abgehandelt. Unklar bleibt auch, ob zwischen Schaffenskrise
und Ehekrise ein Zusammenhang besteht. Fest steht nur, dass die
äußeren Koordinaten des Ich-Erzählers total verschoben sind.
Wirklich ärgerlich aber bleiben die vielen
mysteriösen Vorkommnisse,
denen rein gar nichts folgt!
1* miserabel - Bories vom Berg -
21. Mai 2026

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