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ABBAS
KHIDER
DER LETZTE
SOMMER
DER TAUBEN
Staatsterror
versus Taubenschlag
Der neue Roman von Abbas Khider mit dem Titel
«Der letzte Sommer der Tauben» weist auf die Passion seines
Protagonisten hin und damit auf eine Erzählebene, die in dem
schmalen Band eine wichtige Funktion erfüllt. Ich-Erzähler ist der
14jährige Noah, der von seinem nebenan wohnenden Onkel Ali alles
gelernt hat, was man als Taubenzüchter wissen und beachten muss.
Handlungsort ist eine nicht genannte Stadt in einem nicht genannten
Land des Orients, in dem das Kalifat ausgerufen wurde und die
Mudschahedin die Kontrolle übernommen haben. Der in Bagdad geborene
Autor spricht, was die Tauben anbelangt, aus eigener Erfahrung, er
war selber Taubenzüchter, bevor er seiner Heimat mit 19 Jahren
fluchtartig den Rücken kehren musste und auf Umwegen nach
Deutschland gelangt ist. Thema seiner berührenden Erzählung sind die
Veränderungen im Alltag der Bevölkerung, die durch den Terror der
Gotteskrieger ausgelöst werden und die er im Roman immer wieder am
friedlichen Sozialverhalten der Tauben spiegelt.
Noahs Vater betreibt einen Kleiderladen, dessen
Sortiment nach den rigorosen Vorschriften der Religionspolizei
unverzüglich auf ausschließlich sittsame, nämlich schwarze Kleidung
umgestellt werden muss. Auf den Kartons der Ware müssen alle
Abbildungen schwarz übermalt werden, wenn irgendwo Haut zu sehen
ist. Mit seinem Vater trägt er die verbotene bunte Ware zu einem
Sammelplatz, wo sie entschädigungslos öffentlich verbrannt wird.
Sein Onkel Ali muss sein Café schließen, derartig westliche
Gastronomie ist ab sofort verboten im Gottesstaat. Seine Mutter darf
künftig nur noch mit Niqab streng verhüllt ausgehen, und auch nicht
mehr allein, sie muss nun immer in Begleitung unterwegs sein. Meist
übernimmt Noah diese Rolle, um seine schwangere Schwester damit zu
entlasten. Ihr älterer Bruder bekennt sich zu den Mudschahedin und
hat eine führende Rolle in deren Gewaltsystem übernommen, von seiner
Familie hat er sich inzwischen vollkommen entfernt. Noah fürchtet
sich vor der alltäglichen Gewalt der Fanatiker, die ihre Augen
überall haben, zu Denunziationen anstiften und willkürliche
Verhaftungen vornehmen. Öffentliche Steinigungen oder Hinrichtungen
sind an der Tagesordnung, Menschen verschwinden spurlos, nichts und
niemand ist mehr sicher im Gottesstaat.
Freiheit empfindet Noah nur noch bei seinem
Taubenschlag auf dem Dach, wo seine zwölf liebevoll mit Namen wie
Schneeweiß, Tänzer, Himmelblau oder Karamelle benannten, gefiederten
Lieblinge friedlich leben und treu zu einander halten. Je mehr sein
eigener Horizont durch kleinliche Vorschriften und barbarische
Strafen eingeengt ist, desto mehr beneidet er seine Tauben. Bis
eines Tages dann die Nachricht verbreitet wird, dass ab sofort
Tauben auf dem Dach nicht mehr gehalten werden dürfen. Als Grund
heißt es, von dort oben würden die Männer in die darunter liegenden
Wohnungen schauen können, wo die Frauen ja alle unverschleiert sind.
Und Onkel Ali schließlich, der wohl im Untergrund gegen das
Unrechts-Regime kämpft, hat das Land heimlich bei Nacht und Nebel
verlassen, ohne jemanden vorab zu informieren.
Trotz düsterer Grundstimmung scheint oft auch
Humor auf in diesem Roman. Als eine Freundin von Noahs Schwester zu
Besuch kommt, streift sie sofort den lästigen Niqab ab: «Verdammt,
ich fühle mich mit dem Ding wie ein Mehlsack», und auf ihre Brüste
und den Hintern deutend, fügt sie hinzu: «All das hier ist
geschaffen von Gott, und trotzdem soll es niemand sehen dürfen. Was
für ein Unsinn!» Mit den vielen, jeweils übertitelten, kurzen
Kapiteln wächst das Unbehagen an den politischen Verhältnissen. Das
alles erinnert an die aktuelle Situation im Iran, wo religiöse
Fanatiker zehntausende von protestierenden Bürgern einfach
hinmetzeln, - und die Welt schaut tatenlos zu. Der Erzähl-Stil des
Autors ist durch eine einfache Diktion geprägt, die ohne Arabesken
sehr gekonnt erlebbare Realität mit einer konträren Symbolik
verknüpft, hier also den staatlichen Terror mit dem Taubenschlag als
Symbol des Friedens. Wobei man dann en passant auch eine Menge über
Tauben lernt, - zum Beispiel, dass die weltweit letzte Wandertaube
«Martha» hieß!
4*
erfreulich - Bories vom Berg - 23. April 2026

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