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BENJAMIN
LABATUT
MANIAC
Mathematische
Exkursionen bis hin zur KI
Der zweite, ins Deutsche übersetzte Roman des
chilenischen Schriftstellers Benjamin Labatut deutet mit dem Titel «Maniac»
auf einen Super-Computer hin, der darin eine große Rolle spielt, er
bedeutet im übertragenen Sinne aber auch Besessenheit. Beginnend mit
den allesamt männlichen Koryphäen der Mathematik erzählt der Autor
von deren schier unstillbarem Wissensdurst und von den immer neuen
wissenschaftlichen Fragestellungen. Ein für Laien partout nicht
nachvollziehbarer, geistigen Höhenflug durch mathematisches Neuland,
der von Fachbegriffen nur so strotzt. Worauf das aber hinausläuft,
das deutet schon der Buchumschlag an, es endet nämlich mit dem neuen
Phänomen der KI, der Künstlichen Intelligenz. Der Roman deckt also
eine Zeitspanne ab vom Anfang des 20ten Jahrhunderts bis in unsere
Tage.
Im Mittelpunkt all dessen steht das ungarische
Jahrhundertgenie John von Neumann, der Ende der 1920iger Jahre vor
den Nazis in die USA emigrierte. Schon als Kind außerordentlich
mathematisch begabt, leistete er im Laufe seiner Karriere Aufsehen
erregende Arbeiten zur Quanten- und zur Spieltheorie und war später
in die großen technischen Innovationen von der Atombombe über die
Computer-Technik bis hin zur KI involviert. Der Autor bezeichnet ihn
als «Ein Außerirdischer unter uns», und er erzählt sein Leben
stilistisch trickreich aus der dokumentarisch anmutenden
Ich-Perspektive seiner Familie, von Freunden, Kollegen und Rivalen.
Seine Mutter erzählt zum Beispiel, er habe schon bei der Geburt
deutlich älter gewirkt als ein normales Baby und später alle
verblüfft mit seiner außergewöhnlichen Intelligenz, - sie spöttelt
aber auch, er habe sich die Schuhe nicht selbst zubinden können. Im
mittleren Teil wird seine Rolle in Los Alamos beim ‹Manhattan
Project› thematisiert, wo er als Informatiker an der streng geheimen
Entwicklung von Little Boy mitgewirkt hat, der ersten Atombombe.
Viele der beteiligten Wissenschaftler waren entsetzt über den
tatsächlichen Einsatz dieser furchtbaren Waffe und forderten in
einem Memorandum an Präsident Eisenhower zur Einstellung weiterer
Arbeiten an Nuklearwaffen auf. Vergebens allerdings, denn die
Arbeiten an der Wasserstoffbombe waren unter dem Ungarn Edward
Teller schon in vollem Gange. Ethik und Moral blieben auf der
Strecke nach dem Motto, wenn wir es nicht machen, machen es die
Russen, - das fatale «Gleichgewicht des Schreckens» war
heraufbeschworen
Weniger martialisch geht es am Ende des Romans
zu, eine Art Epilog, der auktorial von der Entwicklung Künstlicher
Intelligenz erzählt, für die Neumann wichtige Vorarbeiten geleistet
hat, indem er als Informatiker nachts den Supercomputer «Maniac»
benutzte, wenn der für die militärischen Arbeiten nicht gebraucht
wurde. Nachdem Google von Demis Hassabi «AlphaGo» übernommen und
weiterentwickelt hat, setzte der finanzstarke Konzern eine Million
Dollar als Preisgeld aus für ein Turnier eines der weltbesten
Go-Spieler gegen ihr KI-Programm. AlphaGo gewann vier der auf fünf
angesetzten Partien gegen den südkoreanische Großmeister Lee Sedol.
Die vierte Partie aber ging verloren, weil Sedol einen völlig
unkonventionellen, bei den Experten allseits nur Kopfschütteln
auslösenden Zug machte, der AlphaGo erkennbar durcheinander brachte.
Spätere Software-Analysen zeigten, dass es die aus hunderttausenden
von Spielen resultierende, menschliche Komponente war, die in den
Algorithmus integriert war und AlphaGo unrettbar aus dem Konzept
gebracht hat. Man eliminierte diese Entscheidungsebene komplett, -
seither hat der Computer alle Spiele gewonnen, Menschen haben keine
Chance mehr gegen ihn!
Ein historischer Roman, der die unaufhaltbare
Weiterentwicklung der Technologien durch den Forscherdrang des
Menschen auf eindrucksvolle Weise thematisiert, nicht zuletzt wegen
der in aller Munde befindlichen KI. Von gelegentlichen Längen und
einer für viele Leser mathematisch bedingten Überforderung abgesehen
ist dies ein empfehlenswerter Wissenschafts-Roman, der bereichernd
wirkt wie ein gutes Sachbuch und spannend bleibt bis zum Schluss!
4*
erfreulich - Bories vom Berg - 11. Januar 2026

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