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ROBERT
MENASSE
DIE
LEBENSENTSCHEIDUNG
Politisch
und medizinisch unheilbar krank
In seinem neuesten Werk, der Novelle «Die
Lebensentscheidung», greift der österreichische Schriftsteller
Robert Menasse ein schwieriges Thema auf, bei dem es um eine
Mutter-Sohn-Beziehung geht, die auf eine extrem harte Weise auf die
Probe gestellt wird. Angesiedelt ist diese Geschichte im Jahre 2024
im Milieu der Brüsseler EU-Zentrale, die vor neun Jahren auch das
Setting für den Erfolgsroman «Die Hauptstadt» gebildet hat, dem
ersten EU-Roman überhaupt. Der in verschiedenen Genres tätige,
äußerst streitbare Autor beschäftigt sich intensiv mit den
Verhältnissen in diesem Bürokratie-Monster und legt dabei einige der
Hintergründe für den zweifelhaften Erfolg dieser europäischen
Institution dar.
Als Protagonist dieser Novelle ist der EU-Beamte
Franz Fiala derart frustriert von den meist erfolglosen Bemühungen
seiner Behörde, deren sorgsam erarbeitete Gesetzes-Vorlagen nur zu
oft an den Ränkespielen und Animositäten im Parlament und im EU-Rat
scheitern oder nur stark verwässert umgesetzt werden. Besonders die
europäischen Bauern nerven ihn, deren Beitrag zum
Bruttosozialprodukt der EU nur 4 Prozent betrage, die aber 38
Prozent aller Fördergelder erhalten würden. Ein krasses
Missverhältnis, das gegen jede Vernunft hartnäckig verteidigt wird,
unterstützt mit medienwirksamen Protestaktionen aufgebrachter Bauern
in Brüssel. Die verteidigen dort ihre ökonomisch völlig sinnlosen,
üppigen Subventionen mit Zähnen und Klauen. Daniel, ein guter Freund
und Kollege von Franz, der das genau so sieht, bestätigt ihm in
einem langen Brief ausdrücklich, er handle richtig, wenn er den Job
hinschmeißt. Und er schreibt von einem Meeting, bei dem alle
Mitarbeiter von ihrem Direktor über den neuen Kurs der Kommission
informiert wurden: «Es geht
[…] heute nicht mehr darum, die Union
weiter zu entwickeln, sondern vordringlich darum, die Demokratie in
den Mitgliedsstaaten vor den Rechtsextremen und den Nationalisten zu
retten». Und auch Daniel strebt nun einen neuen Job an.
Franz Fialas Entschluss, vorzeitig seinen Dienst
bei der Europäischen Kommission zu quittieren, ist eine
Entscheidung, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. Nicht nur,
weil seine Freundin Nathalie ihm mutmaßlich nicht nach Wien folgen
wird und ihre seit vier Jahren andauernde Beziehung letztendlich
daran zerbrechen dürfte. Sein ungeschickt vorgebrachter
Heiratsantrag ist jedenfalls gescheitert, eine gemeinsame Zukunft
wird es wohl nicht geben. Die in seiner Geburtsstadt Wien lebende,
an zunehmender Demenz leidende, 89jährige Mutter benötigt dort seine
Hilfe, für ihn ist es selbstverständlich dass er sich um sie kümmern
muss. Nur ihrer Hartnäckigkeit verdankt er, diese nach Brüssel
führende, glänzende Karriere gemacht zu haben, sie hat ihn immer
unterstützt dabei. Zu allem Übel treten in letzter Zeit bei ihm
aber immer wieder Schmerzen auf, die langsam stärker werden, die er
anfangs allerdings nicht so ernst nimmt. Als er dann schließlich die
Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhält, der ihm allenfalls noch
sechs Monate Lebenszeit lassen dürfte, beschließt er gegen den
dringenden Rat der Ärzte, keine Chemotherapie zu machen. Er will
nämlich auch nicht, dass seine Mutter erfährt, wie es um ihn steht,
die bekannten Folgen der Therapie würden es ihr ja deutlich zeigen.
Und er will ihr vor allem unbedingt den Schmerz ersparen, dass ihr
Sohn womöglich vor ihr stirbt. Eine harte «Lebensentscheidung» also
in der Hoffnung, er wird seinen Tod mit Willenskraft lang genug
herauszögern können, damit sie ihn nicht sterben sehen muss.
Diese an eine griechische Tragödie erinnernde
Novelle läuft zielgerichtet auf ein tragisches Ende hinaus. In einer
unprätentiösen Sprache wird die Mutter-Sohn-Geschichte, trotz
absehbarer Dramatik, ohne Pathos locker erzählt. Nicht übersehbar
dabei ist allerdings, was Brüssel angeht, eine schon in seinem
EU-Roman vorherrschende, politische Besserwisserei des Autors, die
immer wieder durchschimmert, so als sei die EU unheilbar krank! Auf
Dauer jedenfalls stört das ziemlich, und auch wenn es womöglich
satirisch gemeint ist, ist es nicht wirklich amüsant!
3*
lesenswert - Bories vom Berg - 21. April 2026

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