|
HANNS-JOSEF
ORTHEIL
SCHWEBEBAHNEN
Stilistisch
schwebend mit banalem Plot
Wie auch in vielen seiner anderen Romane geht es
in «Schwebebahnen» von Hanns-Josef Ortheil um Episoden aus seinem
Leben. Zu diesem neuen Roman hat er angemerkt: «Ich habe von 1957
bis 1962/1963 in Wuppertal gelebt, und das Seltsame ist, dass ich
danach immer wieder von Wuppertal geträumt habe. Und zwar von den
Schwebebahn-Fahrten». Der aus Köln kommende sechsjährige Josef hat
äußerste Schwierigkeiten, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen.
Sein Vater ist Eisenbahner und hat in Wuppertal eine Wohnung in
einem Haus voller Eisenbahner-Familien bezogen. Josef musste in Köln
die Schule abbrechen, er ist ein introvertierter Einzelgänger, der
sich fast nur für Musik interessiert.
In dieser autofiktionalen
Coming-of-Age-Geschichte werden für einen Zeitraum von etwas mehr
als fünf Jahren Josefs Erlebnisse in neuer Umgebung und mit neuen
Mitmenschen geschildert, an die er sich nun langsam gewöhnen muss.
Das gilt insbesondere auch für die neuen Mitschüler, denn er «lebt,
denkt und fühlt anders als andere Kinder», er wurde deshalb in Köln
auch immer wieder gehänselt. Die neue Rektorin nimmt sich seiner
besonders intensiv an, sie wurde durch einen Brief der Kölner Schule
vorinformiert und will ihm möglichst helfen. Gleich am ersten Tag in
der neuen Wohnung hat er ein Mädchen im Haus gegenüber gesehen, das
ihm gewunken hat. Es ist Rosa, die Tochter des Gemüsehändlers mit
italienischen Wurzeln, die klug ist und voller Temperament. Sie will
«Mücke» genannt werden, weil sie Rosa schrecklich findet, und sie
selbst nennt Josef schon bald nur noch «Giuseppe». Die Beiden
freunden sich schnell an und werden bald unzertrennlich. Furchtlos
geht sie mit ihm in den Wald, sie hat keine Angst vor den
feindlichen Jugendbanden, die dort herumstrolchen, und sie zeigt ihm
auch ihre versteckte Höhle, in der sie Engelsfiguren aufgestellt
hat, die sie manchmal sogar mit Kerzen beleuchtet.
Mücke symbolisiert im Roman das Gegenbild zu
einer herzlosen Leistungs-Gesellschaft mit hohem Erwartungsdruck,
die nur durch Anpassung zu funktionieren scheint und in der
hartnäckiges Verschweigen zum Prinzip geworden ist. Die titelgebende
Schwebebahn wiederum, das kuriose städtische Wahrzeichen Wuppertals,
fungiert hier als poetisches Symbol für das Leichte, Schwebende, für
das, was möglich bleibt in der schwer gewordenen Realität des
Nachkriegs-Lebens, in dem die unheilvolle Vergangenheit ständig
durchschimmert. Die Eltern von Josef haben vier Kinder verloren, all
ihre Hoffung richtet sich nun auf ihn. Aber es ist nun mal die
Musik, in die er sich flüchtet mit seinem Klavierspiel, das ihm
alles bedeutet. Bei dem er so wunderbar improvisieren kann, statt
sich der eisernen Disziplin des Lehrbuchs zu unterwerfen, - es ist
sein Fluchtweg aus dem allgemeinen, eisernen Schweigen heraus. Im
Roman ist die Nachkriegs-Gesellschaft mit ihren Erwartungen, «etwas
aus sich zu machen», als diffuse Autorität und permanente
Aufforderung im Hintergrund ständig erkennbar.
Der Autor hat keinen klassischen
Entwicklungsroman im Sinn gehabt, ihm ging es mit dem
Aneinanderreihen von Episoden vielmehr um das Nachklingen einer
Kindheit, die immer noch fortwirkt und nicht abgeschlossen ist.
Erzählt wird «doppelgleisig», einerseits aus der kindlichen
Innen-Perspektive von Josef, andererseits aus einer distanzierten
Außenperspektive. Dabei wird dann fleißig sinniert oder räsoniert, -
es wird also nichts erklärt oder gar analysiert, sondern nur
gezeigt. Man wird nicht alles verstehen können als Leser, aber doch
auch manches wieder erkennen aus eigenem Erleben. Im
autobiografischen Œuvre des Vielschreibers Hanns-Josef Ortheil ist
dieser Roman nichts Neues, er ist allenfalls eine Ergänzung zu
bereits Erzähltem. Die Kernaussagen wiederholen sich hier nämlich,
wobei das Narrativ kaum variiert wird, was eifrige Stammleser dieses
Autors wohl nicht stören, manche hingegen aber durchaus enttäuschen
dürfte. Was den Stil anbelangt, so ist das Leichte, Schwebende, an
Musik Erinnernde als Markenzeichen des Autors die Lektüre allemal
wert, der Plot als solcher aber enttäuscht leider als deutlich zu
banal.
2*
mäßig - Bories vom Berg - 23. März 2026

© Copyright 2026
|