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PAUL RUBAN

 

DER DUFT DES WALS

 

Total denabengelungen

 

Der kanadische Schriftsteller Paul Ruban hat seinen Debütroman «Der Duft des Wals» auf Französisch geschrieben und damit zuhause einen Überraschungs-Erfolg ausgelöst. Hier hingegen waren das Interesse der Feuilletons auffallend gering und die Meinungen in der Leserschaft ziemlich konträr! Der titelgebende Wal und sein «Duft», der in Wirklichkeit aber ein fürchterlicher Gestank ist, steht symbolisch für eine Gesellschaftskritik, die sich gegen unersättliche Konsumgier und gegen Gigantismus wendet, die von äußerst widrigen Umständen begleitet sind..

 

In vielen kurzen Kapiteln wird die Geschichte eines Urlaubs in Mexiko erzählt, den sich das Ehepaar Judith und Hugo mit ihrer zehnjährigen Tochter Ava in einem direkt am Sandstrand gelegenen All-inclusive-Hotel gönnt. Nach ihrer zwölfjährigen Ehe hat sich das Paar auseinander gelebt, die Ehe scheint kaum noch zu retten. Der Luxusurlaub ist quasi ein letzter Versuch, losgelöst vom unerfreulichen Arbeits-Alltag in dem Fünf-Sterne-Resort doch wieder zueinander zu finden. Schon beim Hinflug treffen sie auf die Stewardess Céleste, der sie dann im Resort wieder begegnen. Als zutiefst religiöse, unverheiratete Frau hofft die Fünfzigjährige, dort Erbauung zu finden von ihrer Seelenpein. Sie trägt zur Selbstkasteiung ein Skapulier. «Indem es mich juckt und kratzt», erklärt sie, «erinnert es mich jeden Tag daran, mein Kreuz zu tragen». Im Resort kümmert sich der nette Page Waldemar rührend um die Gäste, und auch das an krankhafter Schlafsucht leidende Zimmermädchen Belén gehört zum Personal. Sie fällt zuweilen ganz unvermittelt in einen ohnmacht-ähnlichen Schlaf, der bei Allen Erschrecken auslöst. Ihr Ehemann lebt im Ausland und hat dort heimlich eine zweite Familie, er besucht Belén nur noch selten. Als sie dahinter kommt, dass er sie als Bigamist hintergeht, gibt sie endlich dem jahrelangen Drängen von Waldemar nach. Das erste Rendezvous mit ihm findet im Führerhäuschen eines Baukrans statt, der für den Erweiterungsbau der Hotelanlage am Strand steht. Die Spaziergänger wundern sich über das seltsame Wackeln des am Abend außer Betrieb befindlichen Krans, was sie, bei völliger Windstille zudem, nicht wenig staunen lässt.

 

Die euphorische Stimmung der begeisterten Urlauber ändert sich schlagartig, als gleich am ersten Tag direkt am Strand des Resorts ein Blauwal angeschwemmt wird, der schon seit einigen Tagen tot ist. In seinem Inneren haben sich durch die Verwesung Faulgase gebildet, es kommt zu einer plötzlichen Explosion, die ein riesiges Loch in den Leib des Wals reißt und dessen blutige Eingeweide in die Gegend schleudert. Schon bald breitet sich überall ein bestialischer Verwesungs-Gestank aus. Der Traum vom Urlaub ist seitdem zu einem Trauma geworden, denn der üble Geruch verschwindet auch nach mehreren Tagen nicht, selbst wenn der Wind weht. Und auch die hilflosen Versuche des Resorts, mit allen möglichen Duftstoffen dagegen anzukämpfen, erweisen sich selbst nach mehreren Tagen als völlig zwecklos.

 

Ebenso zwecklos ist scheinbar auch der Versuch des Ehepaares, ihre zerrüttete Ehe zu kitten, sie haben wohl nur noch Verachtung füreinander. Satirisch wird hier am Beispiel einer Illusion ein Szenario beschrieben, das durch wunderliche Figuren verkörpert wird. Alle Protagonisten fungieren, kapitelweise abwechselnd, mit gut gelungenen, nahtlosen Übergängen als Ich-Erzähler, wobei deren Namen jeweils als Überschrift dienen, - man weiß also immer genau, wer da spricht. Dem Autor gelingt es, das ebenso schrille wie absurde Geschehen ganz ohne zynische Boshaftigkeit zu schildern. Er stellt sein Roman-Personal als typisch dar in seiner Anfälligkeit für die Absurditäten des unbeirrt genusssüchtigen, «modernen» Lebens, seine Figuren bleiben  aber allesamt seltsam konturlos. Und wichtige Themen wie die Umwelt-Verschmutzung werden leider nur kurz angerissen. Der Spruch «Humor ist, wenn man trotzdem lacht» bewahrheitet sich hier exemplarisch, weil so vieles davon total «danebengelungen» ist!

 

1* miserabel - Bories vom Berg - 1. November 2025

 

 

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