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TRAG DAS FEUER WEITER
Mit ihrem aktuellen Roman «Trag das Feuer weiter» hat die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani nun ihre Familien-Trilogie abgeschlossen. Im letzten, für sich auch allein stehenden Band erzählt sie, deutlich autobiografisch inspiriert, über einen Zeitraum von 1980 bis in die Gegenwart hinein, vom Glanz und Verfall einer vierköpfigen marokkanischen Familie im politischen Umbruch vom strengen Traditionalismus der Islamisten bis zu der sich abzeichnenden Moderne. Das Königreich Marokko wird allerdings noch heute als konstitutionelle Monarchie autoritär regiert, mit stark eingeschränkter Meinungsfreiheit und ebenso eingeschränkten Frauenrechten, was im Wesentlichen die Thematik des vorliegenden Bandes ausmacht, der ebenso Gesellschaftsroman ist wie eine Coming-of-Age-Geschichte.
Als äußerer Rahmen des Romans erzählt im Prolog die 1974 in Marokko geborenen französisch-marokkanischen Schriftstellerin Mia Daoud, dass sie als Folge der Corona-Pandemie seit November 2021 an «Brain Fog» gelitten habe, an Gehirnnebel also, ihr seien Sprache und Gedächtnis abhanden gekommen. Der Neurologe in Paris, den sie konsultiert habe, hätte ihr erklärt, was sie tun müsse:«Sie sprachen vorhin von Proust. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie Ihre Madeleine.» Ein äußerer Sinneseindruck also könne ihr Gedächtnis auffrischen, bei Proust war es bekanntlich der Duft dieses französischen Feingebäcks. Mia macht sich also auf nach Meknès, zum Landgut der Großeltern in Marokko, wo sie in ihrer Kindheit oft gewesen ist. Mia wächst als älteste Tochter von Mehdi und Aïcha Daoud zusammen mit ihrer Schwester Inès wohlbehütet in bourgeoisen Verhältnissen in der Hauptstadt Rabat auf. Ihr Vater ist ein hoch angesehener Bankdirektor, die Mutter Gynäkologin. Obwohl innerhalb der Familie eine liberale Gesinnung herrscht, wird den privilegierten Mädchen, denen die Zukunft offen steht, doch irgendwann bewusst, dass Frauen in der marokkanischen Gesellschaft nichts gelten. Schon gar nicht darf bekannt werden, dass Mia lesbisch ist, und die attraktive Inès läuft Gefahr, wegen ihrer Miniröcke verhaftet zu werden, sie zieht sie immer erst an, wenn sie bei den Partys angekommen ist. Beide gehen nach Paris zum Studium, begleitet von der dringenden Empfehlung des desillusionierten Vaters, sie sollten bloß nicht zurückkommen, sondern lieber in Europa bleiben, dort läge ihre wahre Zukunft.
Aus heiterem Himmel entspannt sich um Mehdi ein Skandal, er wird als Direktor ohne nähere Erklärung entlassen, scheinbar ist er am Hofe in Ungnade gefallen. Als hyperaktiver Manager fällt er in ein tiefes Loch, sucht vergebens Ablenkung bei allerlei Hobbys, die ihn auf Dauer aber alle nicht erfüllen können. Nach einigen Jahren wird er ohne konkrete Vorwürfe plötzlich verhaftet und landet im Gefängnis. Die Familie ist nun total auseinander gerissen, die Töchter beide auf Dauer im Ausland. Die Mutter kämpft mit dem Mut der Verzweifelung um ihren inhaftierten Mann, bis der schließlich, von einer Lungenentzündung gezeichnet, entlassen wird und bald darauf stirbt. Im Epilog erzählt Mia, wie sie den Haushalt ihrer verstorbenen Großeltern auflöst und dabei auf allerlei Interessantes stößt, «Archäologie meiner selbst», wie sie es nennt, Erinnerungs-Schnipsel also, die sie für ihren Roman zu nutzen gedenkt. Sie erwähnt auch, dass der Vater acht Jahre später rehabilitiert wurde, man habe sich offiziell bei ihnen entschuldigt.
Aus immer wieder wechselnden, geschickt ineinander verschränkten Perspektiven erzählt die Autorin detailreich in einer eingängigen, angenehm lesbaren Sprache über das Leben in einem totalitären Staat, in dem man sehr vorsichtig damit sein muss, was man sagt. Der von den Feuilletons auch hierzulande überaus positiv bewertete Roman beleuchtet, leider nicht ganz kitschfrei, die politische Auswirkung des französischen Kolonialismus auf die feministische Identitätssuche heutiger marokkanischer Frauen, in deren auch religiös geprägte Charaktere man sich allerdings als an Liberalität gewöhnter Leser nur schwer hineinfühlen kann.
4* erfreulich - Bories vom Berg - 7. März 2026
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