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LEÏLA
SLIMANI
DER DUFT DER BLUMEN
BEI NACHT
Hinter
den literarischen Kulissen
Im Erscheinungsjahr von «Der Duft der Blumen bei
Nacht» der französisch-marokkanischen Autorin Leïla
Slimani war die Gattungs-Bezeichnung
‹Memoir›
für derartige literarische Werke noch wenig gebräuchlich. Aber ohne
Zweifel trifft sie hier zu, denn dieses Werk konzentriert sich auf
ein bestimmtes reales Ereignis im Leben dieser Schriftstellerin, das
mit emotionaler Tiefe, allein aus subjektiver Sicht reflektierend,
Einsichten und Ansichten der Ich-Erzählerin ohne jede fiktionale
Ausschmückung thematisiert. Den Anstoß für dieses Buch hatte ihre
Lektorin gegeben: Sie solle doch bitte einen Beitrag für die von
‹Les
Éditions du Stock›
initiierte, neue Buchreihe «Eine Nacht im Museum» schreiben. Obwohl
sie mit einem Roman beschäftigt war und eigentlich ablehnen,
ausnahmsweise also auch mal Nein sagen wollte, hat sie sich
schließlich doch dazu bereit erklärt.
Im April 2019 reist sie nach Venedig, um im Museo
Punta della Dogana, dem einstigen Zollamt der Serenissima, ganz
allein eine, wie sie hofft, inspirierende Nacht zu verbringen. An
diesem der Kunst gewidmeten Ort treffen nach wie vor Orient und
Okzident aufeinander, was ihre eigene Situation als marokkanische
Frau widerspiegelt, die sich als Erwachsene für Frankreich als
Wahlheimat entschieden hat und sich nun nirgendwo richtig
dazugehörig fühlt. Als gesellschafts-kritisch engagierte
Schriftstellerin lebt sie zwischen den beiden grundverschiedenen
Kulturen, wobei sich mit Paris als Wohnsitz zunehmend die westliche
Kultur in ihr verfestigt, das islamische Denken also in den
Hintergrund gedrängt hat. Mit einem Feldbett und Schlafsack versorgt
lässt Leïla
Slimani sich also abends im Museum einschließen und ist nun allein
mit all den Exponaten. Mit denen sie aber, das gibt sie unumwunden
zu, partout nichts anfangen kann, die dort ausgestellte,
modernistische Objekt-Kunst sagt ihr rein gar nichts. Sie geistert
völlig allein ziellos durch die dunklen Säle des alterehrwürdigen
Gebäudes und versinkt immer mehr in ihren Gedanken und Träumen, von
denen in diesem Buch vor allem die Rede ist.
Dazu gehört natürlich ihr Beruf als
Schriftstellerin, den sie kritisch hinterfragt, wenn sie von ihrem
Arbeitsalltag erzählt. Sie igelt sich regelrecht ein in ihrer
einsamen Schreibklause, die schon nach kurzer Zeit in einem
kreativen Chaos versinkt, das sie ganz offensichtlich zum Schreiben
braucht. Dabei will sie auch nicht gestört werden, sie empfängt
niemanden und geht auch nichts ans Telefon. Sie denkt auch an ihre
Jugendzeit in Rabat zurück, wo sie sich als nicht Islam-Gläubige
ausgegrenzt fühlte. Als Sechzehnjährige schleicht sie, den
islamischen Sitten zum Trotz, nächtens aus dem Haus und kehrt erst
am frühen Morgen genau so heimlich zurück. «Ich war berauscht von
meiner Freiheit, und zugleich hatte ich Angst». Seit sie 1999
Marokko verlassen hat gilt sie dort als frankophon. Einen breiten
Raum in ihren einsamen Betrachtungen nimmt die Literatur ein,
Verweise auf viele andere Schriftsteller vor allem, wobei sie Salman
Rushdie als ihren Freund bezeichnet, dem sie viel zu verdanken habe.
Diese der Literatur als Kunstgattung gewidmeten Gedanken sind mit
vielen Zitaten unterlegt, als Beispiel sei eine Definition von
Tschechow über die Großen der schreibenden Zunft genannt: «Das sind
die, die es mitten im Sommer schneien lassen und die Flocken so gut
beschreiben, dass es einem plötzlich kalt wird und man zittert».
Und immer wieder neu definiert Leïla
Slimani in diesem Memoir sprunghaft ihre Sicht auf die Möglichkeiten
und Grenzen der Schriftstellerei. Ihre breit angelegte
Selbsterforschung als Autorin mutet denn auch oft an wie eine
veritable Poetikvorlesung. Dieser Papier gewordene Gedankenstrom
bietet dem Leser geradezu ein Füllhorn von interessanten Interna.
Genau darin liegt denn auch die Stärke dieses Buches, man bekommt
durch die bisher leider nur in Frankreich hoch geschätzte Autorin
einen ungemein bereichernden Einblick hinter die Kulissen der
Literatur.
4*
erfreulich - Bories vom Berg - 30. März 2026

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