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TYLER
WETHERALL
AMPHIBIUM
Adoleszenz
eines toughen Mädchens
Mit dem kryptischen Titel «Amphibium» wurde
jüngst der feministische Debüt-Roman der hierzulande noch weitgehend
unbekannten englischen Schriftstellerin Tyler Wetherall auch in
deutscher Sprache veröffentlicht. Die junge Autorin erzählt darin
die mit märchenhaften Elementen angereicherte
Coming-of-Age-Geschichte eines elfjährigen Mädchens, das tief
beeindruckt ist von dem berühmten Märchen «Die kleine Meerjungfrau»
von Andersen. Dieses wiederum basiert auf der Sage von Undine, dem
jungfräulichen Wassergeist in der Mythologie.
Die zurückhaltende, scheue Sissy lebt in den
1990er Jahren mit ihrer unter Depressionen leidenden, allein
erziehenden Mutter unter prekären Verhältnissen in einer kleinen
Stadt im Südwesten Englands. Durch einen Umzug ist sie neu in eine
Klasse an der örtlichen Schule gekommen, wo das zurückhaltende
Mädchen von allen Schülern nur als «Die Neue» bezeichnet wird. Man
schneidet die Außenseiterin regelrecht, sie bleibt in den Pausen auf
dem Schulhof allein, niemand redet mit ihr. Nur von Ferne bewundert
sie die ein Jahr ältere Tegan, selbstbewusste Anführerin einer
Clique von Mädchen, der die Macht von allein zufliegt, die nie darum
kämpfen musste. Sie lässt sich nichts bieten und weiß sich auch bei
den Jungen Respekt zu verschaffen. Als Tegan in der Pause mit
einigen Jungen im Labyrinthgarten verschwindet und Sissy ihr
nachschleicht, beobachtet sie, dass Tegan die Buben damit verblüfft,
dass sie wie eine Zauberin einen runden Stein spurlos in ihrer
Unterhose verschwinden lassen kann. Sissy wird entdeckt und nun von
einem der Jungen gewaltsam bedrängt, dieses Kunststück nachzumachen.
Sie wehrt sich, indem sie dem Jungen den Stein, den er ihr dafür in
die Hand gedrückt hat, bei der verzweifelten Gegenwehr auf den Kopf
schlägt und er heftig blutet.
Fortan wird Sissy von allen geachtet, sogar
gefürchtet. Sie und die bei ihrer älteren Schwester lebende Tegan
werden beste Freundinnen und stürzen sich gemeinsam in das
Abenteuer, eine Frau zu werden. Sie nehmen im Internet anonym
Kontakt zu Männern auf, feiern in der Wohnung der lebenslustigen
Schwester wilde Partys, beschäftigen sich intensiv mit dem spurlosen
Verschwinden junger Mädchen, das die Stadt in Angst und Schrecken
versetzt. Ihre naive Fantasie geht so weit, dass die Beiden Fotos
von sich machen, mit denen nach ihnen gefahndet werden soll, wenn
sie selbst mal entführt werden, weil die üblicherweise ja zufälligen
Fahndungsfotos ihnen nicht fotogen genug erscheinen. Die Freundinnen
erkunden spielerisch ihre beginnende Sexualität, - immer zwischen
Neugier und Abscheu davor. Sie beobachten aber auch ängstlich die
Bedrohung durch aggressive Männlichkeit, die ihnen überall begegnet.
Als eines Tages Tegan befürchtet, schwanger zu sein und mit Sissy
zusammen in der Drogerie einen Schwangerschaftstest stehlen will,
werden sie bei der Tat ertappt, - mit fatalen Folgen! Danach ist
nichts mehr wie es war, auch die enge Beziehung zwischen den
Freundinnen wird zerstört, sie stehen den Zumutungen der
Erwachsenenwelt fortan allein gegenüber. Und mit der Menstruation
hat inzwischen auch bei Sissy der Prozess des Erwachsenwerdens
unaufhaltsam begonnen, ihre Kindheit ist nun endgültig vorbei.
Die Ich-Erzählerin Sissy lebt das mystische Motiv
der Frauwerdung intensiv aus, auch wähnt sie sich bereits in einem
körperlichen Wandel zum titelgebenden «Amphibium». Ihre Phantasie
geht nämlich so weit, dass sie glaubt, ihr würden Schwimmhäute
zwischen den Zehen wachsen und ein Schwanz würde sich langsam
ausbilden wie bei der berühmten Meerjungfrau, den sie nun
erschrocken vor allen zu verstecken sucht. Einfühlsam wird hier über
Rollenbilder und Erwartungen in der Adoleszenz berichtet, über die
innere Zerrissenheit eines toughen Mädchens, über gebrochene
Versprechen und einen herben Vertrauensverlust. Dabei kippt die
zuweilen gnadenlos realistische Erzählweise immer wieder in den
magischen Realismus ab, ohne dass deswegen aber die innige
Mädchen-Freundschaft kitschig romantisiert wird. Ein weitgehend
gelungenes Debüt mithin, das Lust auf mehr macht aus der Feder
dieser Autorin.
4*
erfreulich - Bories vom Berg - 25. Januar 2026

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