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NORA
HADDADA
BLAUE ROMANZE
Polit-Seminar
statt Liebes-Schnulze
Der 2025 erschienene, zweite Roman von Nora
Haddada weist mit seinem Titel wie auch im Klappentext auf eine
Liebesgeschichte hin und weckt Leser-Erwartungen, die er
letztendlich konterkariert mit einer brisanten politischen Thematik.
Es geht um die seit der Gründung des Staates Israel als Folge des
Genozids an den Juden andauernde, kriegerische Auseinandersetzung
mit den Palästinensern. Die hat am 7. Oktober 2023 mit dem
überraschenden Überfall der Terrororganisation Hamas auf das
südliche israelische Grenzgebiet eine neue, fatale Brutalität
erreicht. Andauernde Demonstrationen in den westlichen
Ländern betreffen beide Konfliktparteien gleichermaßen, und auch im
Roman vertreten die beiden Protagonisten der ‹Generation Y›
diametral entgegen gesetzte Positionen, was ihre Beziehung schwer
belastet.
Beim Urlaub in Marseille treffen die Französin
Myriam und der deutsche Julian in der feuchtfröhlichen Runde einer
Karaokebar aufeinander. Man unterhält sich angeregt über allerlei
Themen, und schließlich kommen sie auf die Idee, gemeinsam auf der
Bühne ein Duett zu singen, auch wenn das peinlich enden könnte, denn
beide sind keine großen Sänger. Das gemeinsame Abenteuer und die
anregenden Gespräche treiben Myriam und Julian zueinander, sie
finden sich überaus sympathisch. Am nächsten Morgen muss Myriam dann
feststellen, dass Julian ihre Wohnung schon verlassen hat, - ohne
Abschied zu sagen. Sie kehrt nach Paris zurück, um ihr Studium
abzuschließen, er versucht in Berlin, journalistisch tätig zu
werden, was ihm durch Protektion eines Freundes auch bald gelingt.
Und Julian legt dann als freier Journalist eine Blitzkarriere hin,
seine Artikel sind begehrt und werden gut bezahlt. Nach Abschluss
ihres Studiums vermittelt in Paris der Professor von Myriam seiner
hochbegabten Studentin eine Dozentenstelle bei einer Kollegin in
Berlin, die sie begeistert annimmt. Ein halbes Jahr, nachdem Julian
sie in Marseille ohne Hinterlassen seiner Adresse grußlos verlassen
hat, treffen sie nun im universitären Umfeld Berlins schon bald
wieder aufeinander, - und finden zögernd auch wieder zueinander!
Myriams Seminar zum Thema «Einführung in die
postkoloniale Theorie» findet großes Interesse vor allem im
maghrebinisch-französischen Teil der Studentenschaft, weil es sich
dabei auch um die wissenschaftliche Bewertung der genozidartigen
militärischen Angriffe auf Gaza und die völkerrechtswidrige Blockade
der Zugänge dorthin handelt. Julian hingegen rechtfertigt in seinen
Zeitungsartikeln die brutale israelische Vorgehensweise und weist
darauf hin, dass die palästinensische Bevölkerung, wie einst auch
die Deutschen, ebenfalls schuldig ist durch die «apathische Hinnahme
eines Regimes wie das der Hamas oder der Nationalsozialisten».
Übrigens, nicht zuletzt darauf beruht ja die bis heute gültige, so
genante «Staatsdoktrin» Deutschlands, was Israel anbelangt. Als ein
Freund von Julian ihn darüber informiert, dass sein Verlag einen
vernichtenden Artikel über Myriams vieldiskutierte Thesen
veröffentlichen will, kommt Julian dem zuvor und schreibt
seinerseits eine dort veröffentlichte, gemäßigte Kritik zu den
palästinenser-freundlichen, wissenschaftlichen Theorien Myriams.
Der an sich ja banale Plot einer «Romanze» ist
alles andere als ein Liebesroman, er ist vielmehr ein loses
Handlungsgerüst für einen vielstimmigen, akademischen Diskurs zu den
Voraussetzungen und Folgen des 7. Oktobers 2023. In einer
unprätentiösen, stimmigen Diktion wird da im Freundeskreis hitzig
debattiert, werden unverrückbare Standpunkte definiert, und das
alles ganz ohne Liebelei, ohne Romantik jedenfalls. Die Anzahl der
Küsse kann man an einer Hand abzählen, und Sex findet bei diesen
‹verkopften› Millenials allenfalls mal vage angedeutet und gut
versteckt zwischen den Zeilen statt! Dafür aber ist dieser
intellektuell elitäre Roman eine geradezu unerschöpfliche,
bereichernde Fundgrube politischer Argumentationen zum
Palästina-Konflikt, - die leider allesamt verdeutlichen, dass er
wahrscheinlich unlösbar bleiben wird!
5*
erstklassig
- Bories vom Berg -11. Februar 2026

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