TRUMAN
CAPOTE
KALTBLÜTIG
Ohne
den genre-typischen Horror
Mit «Kaltblütig», seinem bekanntesten Werk, hat
der amerikanische Schriftstellers Truman Capote das neue
literarische Genre New Journalism geschaffen, den Tatsachenroman.
Darin schildert er mit den narrativen Methoden einer literarischen
Erzählung den im November 1959 tatsächlich passierten, vierfachen
Mord an der Familie des Farmers Clutter im Westen des US-Staates
Kansas. Darauf aufmerksam geworden ist er durch einen Artikel in der
Zeitschrift «The New Yorker». Er begann schon bald mit umfangreichen
Recherchen zu dem großes Aufsehen erregenden Fall. Sein Buch
erschien dann sechs Jahre später. Er musste sogar warten, hat er
erklärt, bis die Hinrichtung der beiden Täter nach
verfahrens-technischen Verzögerungen dann auch tatsächlich
stattgefunden hatte. Und wer nicht vorinformiert ist als Leser, dem
winkt natürlich der größte Lesegewinn, was spätestens ab dieser
Stelle hier wirklich wohlmeinend zur Nachahmung empfohlen wird!
Aus wechselnden Perspektiven erzählend berichtet
der Autor zunächst sehr ausführlich von der Familie Clutter, deren
Oberhaupt es als strebsamer, prinzipientreuer Farmer zu einigem
Wohlstand gebracht hat. Er ist als fairer Arbeitgeber bei seinen
Arbeitskräften sehr beliebt und zahlt gut. Im Haus wohnen außer den
Eltern die halbwüchsige Tochter Nancy und der kleine Kenyon.
Zwischen die Beschreibungen der Opferfamilie wird immer wieder mal
ein kurzer Schwenk zu den Tätern eingefügt, dem 28jährigen Dick und
seinem 31jährigen Kumpel Perry. Die Beiden kennen sich aus dem
Gefängnis, wo sie für unterschiedliche Straftaten einige Jahre
eingesessen haben. Dick hat ebenfalls dort von Floyd Wells, einem
Mitgefangenen, von der Farm der Clutters gehört, wo Floyd ein Jahr
lang gearbeitet hat. Dort im Büro befände sich ein Tresor, der
tausende von Dollars enthalten müsse, so reich wie Clutter ist. Nach
ihrer Entlassung beschließen Dick und Perry, diese Farm, die sie nur
aus der Erzählung kennen, nachts zu überfallen. Um nicht erkannt zu
werden, wollen sie sich schwarze Damenstrümpfe über den Kopf ziehen.
Die sind aber nirgendwo zu bekommen in der dünn besiedelten,
ländlichen Gegend. Der Überfall findet statt, ein Tresor aber ist
nicht vorhanden, denn Mr. Clutter hat aus Prinzip nie Bargeld im
Haus, er zahlt immer nur mit Scheck. Als Bargeld aus den
verschiedenen privaten Geldbörsen der Familie kommt letztendlich nur
ein Betrag von 40 Dollar zusammen, ein Fiasko für die Verbrecher.
Denn ohne Maskierung müssen sie ja alle Anwesenden als Augenzeugen
töten, um unerkannt zu bleiben. Und das tun sie denn auch, absolut
kaltblütig!
Die Polizei steht vor einem Rätsel, es wurden
kaum Spuren hinterlassen, und es fehlt vor allem auch ein Motiv für
die schrecklichen Morde, mit dem sich ein Täterkreis eingrenzen
ließe. In der kleinen Ortschaft kursieren die wildesten Gerüchte,
aber die Clutters waren als brave Kirchgänger überall sehr beliebt,
niemand hätte einen Grund gehabt, sie alle umzubringen. Die um drei
Beamte des FBI verstärkte Mordkommission bekommt nach drei Monaten
plötzlich einen Tipp von Floyd Wells, der als Informant für die Tat
lange gezögert hat, sich zu melden, weil er nicht mit hineingezogen
werden wollte. Nun geht alles ganz schnell, die Täter werden
gefasst, vor Gericht gestellt und zum Tod durch den Strang
verurteilt.
Minutiös berichtet Truman Capote von der
spannenden Ermittlungsarbeit, dem komplizierten Prozessverfahren,
und er legt zudem geradezu sezierend die psychologischen Defekte der
Täter offen, denen bis zuletzt, bis zum Galgen, aber jedes
Unrechts-Bewusstsein fehlt. Auch hier gilt «Der Weg ist das Ziel»,
dieser journalistisch präzise erzählte Bericht ist eine bereichernde
Lektüre, die so ganz ohne die genre-typischen Horror-Szenarien
auskommt.
4* erfreulich - Bories
vom Berg - 12. Februar 2025

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