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HEIMITO VON DODERER

 

DIE WASSERFÄLLE

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VON SLUNJ

 

Der Poet als gottgleicher Schöpfer

 

Sein bekanntestes Werk ist «Die Strudlhofstiege», sein Opus magnum «Die Dämonen», sein bester Roman jedoch sei, wie manche meinen, «Die Wasserfälle von Slunj». Auf jeden Fall aber gehört Heimito von Doderer zu den bedeutendsten Schriftstellern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Er befindet sich mit seinem Bestreben nach einer möglichst allumfassenden Erzählweise vom narrativen Ansatz her durchaus auf Augenhöhe mit «Großschriftstellern» wie Thomas Mann oder Marcel Proust. Und ähnlich wie bei Fontane, dem Chronisten des Preußentums, kann man in Doderers Romanen wunderbar in vergangene Zeiten zurückreisen, hier in die bereits dem Untergang geweihte k. u. k. Doppelmonarchie. Das vorliegende, breit angelegte Epos ist als erster Roman einer geplanten Tetralogie 1963 erschienen, der zweite Roman erschien posthum und unvollendet. Anders als sein berühmter österreichischer Kollege Robert Musil aber ist der wegen seiner diversen Exzesse eher unsympathische, moralisch und politisch umstrittene Autor den deutschen Lesern weitgehend unbekannt geblieben. Schade eigentlich!

 

Der Roman beginnt mit der Hochzeitsreise von Robert Clayton, die ihn 1877 zu den imposanten Wasserfällen von Slunj führt. Er ist der Sohn eines britischen Industriellen, der in Wien ein Zweigwerk eröffnet. Aus dieser Ehe nun geht der Sohn Donald hervor, der nach dem Studium als Ingenieur in die österreichische Dependance eintritt. Für das Kaufmännische wird der eher unscheinbare Buchhalter Chwostik eingestellt, der in bescheidensten Verhältnissen lebt und zwei Untermieterinnen hat. Fini und Feverl betreiben in zwei kleinen Zimmern seiner Wohnung ihr Gewerbe als Prostituierte. Er selbst erweist sich als wahrer Glücksfall für die Firma und steigt zum Prokuristen auf. Die beiden Vorstadt-Huren retten beim Baden ein Kind und gehen aufs Land zurück, als ihnen die dankbare Mutter eine gutbezahlte Stellung auf einem ungarischen Gutshof verschafft. Der missratene Stiefsohn von Chwostiks Hausmeisterin landet glücklich als Postmeister in Kroatien, in der Schule bilden vier Schüler aus dem gehobenen Bürgertum den «Club Metternich» zur intensiven Vorbereitung auf die Matura, eine toughe Ingenieurin Mitte dreißig wirbelt die Männer gehörig auf und verändert nachhaltig das Leben von Clayton Senior und Clayton Junior, ihre verheiratete Freundin schließlich vernascht - in einer Reifeprüfung der besonderen Art - frohgemut einen der Jungs vom Club Metternich.

 

Mit seiner üppigen, anschaulich geschilderten Figurenschar aus Prekariat und Bürgertum zeichnet Heimito von Doderer ein drei Generationen umfassendes Kaleidoskop der Habsburger Monarchie. Dabei treffen die verschiedenen, ineinander verschlungenen Handlungsfäden immer wieder bei den Claytons zusammen, die titelgebenden Wasserfälle bilden eine narrative Klammer um das Ganze. Stilistisch elegant, in einer aus heutiger Sicht altösterreichisch wirkenden, der historischen Erzählzeit geschuldeten Diktion, breitet der Autor humorvoll plaudernd seine klug durchdachten Geschichten in prächtigen, farbenfrohen Bildern vor dem Leser aus.

 

Bei aller Ironie ist dem Plot jedoch eine beachtliche psychische Tiefe zueigen, die in vielen treffenden Metaphern zum Ausdruck kommt. Donald, der dröge Held, scheitert als erfolgreicher Ingenieur im Privatleben jämmerlich, er ist emotional geradezu verkrüppelt, sein verwitweter Vater sticht ihn mühelos aus bei der schönen Ingenieurin, in die er verliebt ist, wie er viel zu spät erst erkennt, - «man möchte ihm in den Hintern treten», schreibt der Autor dazu. Als Leser schaut man ihm zuweilen über die Schulter, so wenn er Figuren aus seinem Roman «herausschmeißt» wie Fini und Feverl. Leutselig erklärt er: «… und damit kommt der Augenblick, […] wo der Romanschreiber nicht an die Eigengesetzlichkeit seiner Figuren gebunden bleibt, sondern zuletzt noch mit diesen machen darf was er will», - der willkürlich agierende Poet also als gottgleicher Schöpfer seiner ganz eigenen Welt.

 

5* erstklassig - Bories vom Berg - 6. Oktober 2019

 

 

© Copyright 2019

 

Dr. Albert Schnelle

Soeben habe ich (nach Strudelhofstiege, Dämonen und Mord) diesen Roman gelesen und kann dazu nur sagen, dass mich die obige Rezension überzeugt. Inhaltlich und sprachlich erscheinen mir die "Wasserfälle" in besonderer Weise gelungen. Der Roman vermittelt Spannung auf einer höheren Ebene, er hat psychologischen Tiefgang und wirkt inhaltlich - deutlich mehr als etwa die im Übrigen ebenfalls vorzügiichen, aber uneinheitlichen "Dämonen" - in hohem Maße in sich geschlossen. So darf er wohl auch in meinen Augen als der beste innerhalb der Reihe von Doderers Meisterwerken gelten.

Nur in einem Punkte vermag ich dem geschätzten Rezensenten nicht ganz beizupflichten. Er mag den Autor für "unsympatisch" halten - aber ist dies eine objektiv gültige Beurteilung. Jeder Mensch hat seine Grenzen, auch von Doderer hatte sie zweifellos. Er lebte mit all seinen Widersprüchen in einer schlimmen Zeit, zu der er sich unterschiedlich stellte. Wer will hier richten?

Und ließe sich nicht über Thomas Mann und andere Große Ähnliches - wenngleich auf anderen Gebieten - sagen?

L

Antwort

Herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Dass Doderer als Mensch von vielen Zeitgenossen als unsympathisch angesehen wurde, habe ich der Vollständigkeit halber als allgemeine Information zur Person erwähnt, es hatte keinen Einfluss auf meine literarische Wertung, - und mehr als 5 Sterne kann ich ja auch gar nicht vergeben! Wenn mir das wichtig gewesen wäre, hätte ich meine Rezension übrigens «Meisterwerk eines Unsympaths» betitelt.

 

Prof. Dr. Peter Berger

Wenn ich hier von der "Strude(!)lhofstiege" lese, kann wirklich niemand von mir erwarten, weiter zu lesen. Als wie präpotent will sich der Autor B. vom Berg uns eigentlich präsentieren?

L

Antwort

Danke für den Hinweis auf die falsche Schreibweise! Was Ihnen an meiner Rezension allerdings präpotent erscheint, bleibt fraglich. Ist es etwa die fälschliche Schreibweise der Strudlhofstiege?. Das erscheint mir ziemlich klein kariert. Der Kommentator Dr. Schnelle hat sich dabei übrigens ebenfalls geirrt, (siehe oben), inhaltlich allerdings völlig  anders geäußert.

 

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