PENELOPE FITZGERALD
DIE BUCHHANDLUNG
Ein Lehrstück über das Scheitern
Als beinahe Sechzigjährige hat die englische Schriftstellerin
Penelope Fitzgerald geborene Knox 1975 ihr erstes Werk veröffentlich, der
literarische Spätstart einer Tochter aus gutbürgerlichem Elternhause. Über ihren
Vater und seine drei Brüder, alle geistig hoch stehende Persönlichkeiten, hat
sie unter dem Titel «The Knox Brothers» sogar eine Biografie geschrieben.
Autobiografisch geprägt ist auch «Die Buchhandlung» von 1978, ihr, wie sie
selbst sagte, «erster richtiger Roman», angeregt durch eine Episode aus ihrem
Leben. Er erschien erst 22 Jahre später auch auf Deutsch, das inspirierende
Titelbild der aktuellen Taschenbuchausgabe ist durchaus geeignet, viele
Buchfreunde spontan zur Lektüre zu animieren. Mir ging es jedenfalls so, und ich
habe es nicht bereut, soviel sei hier schon gesagt.
Eine allein stehende Frau mittleren Alters beschließt, in
einer englischen Kleinstadt eine Buchhandlung zu eröffnen, zeitlich ist der Plot
1959/60 angesiedelt. Von diesem, vielen Mitbürgern völlig absurd
erscheinenden Vorhaben lässt sie sich weder durch widrige Umstände noch durch
diverse Rückschläge abbringen. Sie ist überzeugt: «Wenn man alles gibt, was man
hat, muss man doch zu Erfolg kommen». Dieses Streben nach dem
ideal Wünschbaren findet sich als Motiv auch in anderen Werken der Autorin. Sie selber
nennt ihr Buch einen «kurzen Roman mit einem traurigen Ende», der letzte Satz
des Romans unterstreicht das: «Als der Zug aus dem Bahnhof hinausfuhr, hielt sie
den Kopf gesenkt vor Scham, dass die Stadt, die fast zehn Jahre lang ihr Wohnort
gewesen war, keine Buchhandlung gewollt hat».
In einer knappen, fast lakonischen Sprache schildert die
Autorin das Geschehen ruhig und gelassen, gewürzt mit schwarzem, typisch
englischem Humor, der den Leser häufig schmunzeln oder sogar laut auflachen
lässt. Landschaft und Atmosphäre der kleinen Stadt sind liebevoll und stimmig,
aber nüchtern, ohne blumige Wendungen beschrieben, man erfährt auch erstaunlich
wenig über die Protagonistin Florence Green. Weite Teile der Handlung
erschließen sich zudem aus den immer wieder amüsanten, lebensechten Dialogen.
Das Figurenensemble besteht aus kauzigen Typen, Solitäre zumeist in einer
sozialen Gruppe, in der das Gute wie das Böse gleichermaßen zu Hause ist, in der
es menschelt allenthalben. Große Literatur wird nicht thematisiert in diesem
Roman, einzige Ausnahme bildet Vladimir Nabokovs «Lolita», ein sensationeller
Erfolg auch für die kleine Buchhandlung, ansonsten dominieren als Umsatzbringer
Sachbücher und Trivialliteratur. Die als Ergänzung des Sortiments angebotenen
Ansichtskarten unterstreichen noch das Profane, eine tatkräftige, clevere
Schülerin, die aushilfsweise mitarbeitet, verabscheut Bücher sogar, sie liest
nur Comic-Hefte.
Schon im ersten Absatz erwähnt die Autorin das Scheitern
am Beispiel eines Reihers, der einen Aal zu verschlingen sucht, was ihm aber
nicht gelingt, der Aal windet sich in seinem Schnabel, er kann ihn nicht
hinunterschlucken. «Keines der beiden Geschöpfe konnte den Kampf für sich
entscheiden, ihr Anblick war zum Erbarmen. Sie hatten sich zuviel vorgenommen».
Dieses Bild raubt ihr den Schlaf in einer Nacht, in der sie um die Entscheidung
für ihre Buchhandlung ringt. Als scharfe Beobachterin entlarvt Fitzgerald eine
unredliche, gedankenlose, egoistische, gefühlsarme, engstirnige Gesellschaft von
Kleinbürgern, demontiert gnadenlos das gängige Klischee von der ländlichen
Idylle. Ihr trockener Humor entwickelt sich in dieser Tragikkomödie vor einem
traurigen Hintergrund, die eingestreuten Reflexionen sind oft nur Andeutungen,
die ihrer surreal angereicherten Geschichte eine erstaunliche Tiefe verleihen.
Umgeben von korrupten Anwälten, ehrlosen Bankangestellten, verlogenen
Mitmenschen und undankbaren Kunden, bleibt die tragische Heldin in ihrer
unbeirrten Geradlinigkeit sich selbst treu bis zum bitteren Ende, sie ist die
moralische Gewinnerin im Kampf um ihren Buchladen.
3*
lesenswert - Bories vom Berg - 16. Dezember 2016

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