WOLF
HAAS
WACKELKONTAKT
Ein
Trauerredner und ein Ex-Mafioso
Der durch seine «Brenner»-Krimis bekannt
gewordene, österreichische Schriftsteller Wolf Haas hat mit
«Wackelkontakt» einen neuen Roman vorgelegt, der mit einem
originellen Plot an seine ebenfalls pikaresken Romane «Das Wetter
vor fünfzehn Jahren» oder «Die Verteidigung der Missionarsstellung»
anknüpft. Mit einem raffinierten ‹Zwei Romane im Roman›-Konstrukt
werden auktorial im Wechsel zwei Geschichten mit zwei verschiedenen
Protagonisten erzählt, einem Mafioso und einem Trauerredner, die
unabhängig voneinander das Buch lesen, welches von dem jeweils
Anderen handelt. Wobei vom Layout her das Besondere daran ist, dass
diese beiden Erzählungen im laufenden Text ohne äußerlich erkennbare
Abgrenzung, oft sogar mitten im Absatz, ganz unvermittelt
aufeinanderfolgen. Mit dem Griff nach dem Buch im letzten Satz des
einen folgt übergangslos der Text des jeweils anderen Buches, ohne
dass es je irritierend wirkt.
In Wien wartet der Trauerredner Franz Escher auf
den Elektriker, der in seiner Küche einen Wackelkontakt in einer
Steckdose beseitigen soll. Der alleinstehende 50jährige Mann
vertreibt sich die Wartezeit mit einem Mafia-Buch, das von dem
jungen Mafioso Elio Russo handelt, der als Kronzeuge der Justiz 27
Mafiabosse ausgeliefert hat und nach drei Jahren Gefängnis nun mit
neuer Identität ins Ausland flieht. Durch das Zeugenschutz-Programm
mit einigem Startkapital ausgestattet, taucht er nach einer seine
Identität verschleiernden Gesichtsoperation in Deutschland unter und
eröffnet unter seinem neuen Namen Marco Steiner in Duisburg eine
Reparatur-Werkstatt für Fahrräder. Als nach fünf Jahren das Geschäft
mit italienischen Fahrrädern plötzlich bedrohlich für ihn wird,
siedelt er um nach Berlin und spezialisiert sich dort auf E-Bikes.
Eines Tages bittet ihn eine junge Frau, die defekte Alarmanlage in
ihrem Auto stillzulegen. Zögernd hilft er ihr, verliebt sich,
heiratet sie und wird Vater einer Tochter, der sie den Namen Ala
geben. Vier Jahre später drängt seine Frau ihn plötzlich, ohne einen
Grund zu nennen, zu einem sofortigen Ortswechsel, sie ziehen spontan
nach Wien um.
Nach weiteren zehn Jahren wird Ala in der Schule
mit dem Thema Ahnenforschung konfrontiert und beginnt unangenehme
Fragen zu stellen, weil sie fast gar nichts weiß von ihrem Vater.
Neugierig geworden stößt sie auf das Buch, das er als junger Mann im
Gefängnis angefangen hatte zu lesen, mit dessen Hilfe er damals
Deutsch lernen wollte, das er aber nie zu Ende gelesen hat. Es
handelt von dem Trauerredner Franz Escher, der während der Reparatur
seiner Steckdose in der Küche ganz in Gedanken den abgeschalteten
Sicherungsautomaten wieder eingeschaltet hat, was den Elektriker das
Leben kostet. Die Polizei geht von einem Arbeitsunfall aus, aber das
Gewissen lässt Escher keine Ruhe, und so versucht er, quasi als
moralische Wiedergutmachung, wenigstens den Auftrag für die
Trauerrede zu bekommen. Was ihm auch gelingt, aber in dem Gespräch
mit der Witwe erfährt er von dem erbitterten Streit des Toten mit
seiner 14jährigen Tochter am Vortag des Unglücks, die durch ihre
Nachforschungen im Internet die Mafia auf ihre Spur gelenkt hat. Sie
wird denn auch prompt entführt, man fordert 3 Millionen Euro
Lösegeld für ihre Freilassung. Was Escher zu Höchstleistungen
anstachelt, er will sie unbedingt befreien, er fühlt sich
mitschuldig.
Es gehe ihm um die Frage der Identität in seinem
Roman, hat der Autor erklärt, verdeutlicht an der Figur des
Ex-Mafioso Elio/Marko. Eine zweite Thematik seien die Puzzles, denen
sich Escher mit Hingabe widmet, Symbol für seinen Wunsch, sich die
Welt anzueignen. Dieser formal eigenwillige Roman ohne moralischen
oder philosophischen Tiefgang wartet mit einem hohen
Unterhaltungswert auf. Bei ihm stehe immer der Tonfall im
Vordergrund, hat Wolf Haas im Interview erklärt. Verblüffend ist,
wie er es schafft, zwei zeitlich so weit auseinander liegende
Geschichten wie die nur wenige Tage dauernde des Trauerredners und
die sich über zwei Jahrzehnte erstreckende des Ex-Mafioso munter hin
und her springen und am Ende sogar ineinander fließen zu lassen.
Chapeau!
4* erfreulich - Bories
vom Berg - 23. März 2025

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