DÖRTE
HANSEN
MITTAGSSTUNDE
Flurbereinigung
auf den Mädchenköpfen
Dem Genre ‹Heimatroman› haftet nicht ohne Grund
der Verdacht auf Kitsch an, «Mittagsstunde» von Dörte Hansen ist der
schlagende Beweis für das Gegenteil. Ganz ohne jede Rührseligkeit
wird darin die Geschichte eines Dorfes erzählt, das sich im Wandel
befindet und in dem die alten Gewissheiten und Angewohnheiten sich
dem Zeitgeist entsprechend verändern, so dass irgendwann auch die
titelgebende «Mittagsstunde» der Vergangenheit angehört. Seit alters
her als ‹Mittagsschlaf› von allen Bewohnern praktiziert,
strukturiert er als Arbeitspause zeitlich das Leben des Dorfes und
bildet dementsprechend auch den roten Faden in dieser Geschichte aus
Nordfriesland. In ihrer Familie, hat die Autorin wissen lassen, wird
untereinander nur Plattdeutsch gesprochen. Und so finden sich auch
in ihrem Roman entsprechend viele mundartliche Dialoge, die das
Lokalkolorit überaus stimmig abbilden.
Dörte Hansen erzählt von dem fiktiven
nordfriesischen Geestdorf Binkebüll, oder, wie sie es erklärt hat,
«vom Ende der Sesshaftigkeit». Der Archäologe Dr. Ingwer Feddersen
hat sein Dorf vor 25 Jahren verlassen, um in Kiel zu studieren. Der
inzwischen 47jährige Hochschullehrer kehrt im Rahmen eines
Sabbaticals dorthin zurück, um sein Leben neu zu ordnen. Er ist
immer noch Single und lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten in Kiel in
einer Wohngemeinschaft mit einer gleichaltrigen Architektin und
einem Freund aus Studienzeiten. Ob in einer Menage á trois, wie man
vermuten könnte, bleibt unklar, es wird nicht mal versteckt irgendwo
angedeutet in diesem absolut ‹jugendfreien› Roman. Seine Großeltern
betreiben seit Jahrzehnten den alten Dorfkrug, der neben Kirche,
Rathaus und Schule eine der Institutionen dieses verschlafenen
Dorfes darstellt. Ingwers ledige Mutter ist geistig zurück geblieben
und kam als Erbin nicht in Frage. Er selbst aber wollte den Gasthof
nicht übernehmen, er war einer der wenigen Hochbegabten, denen der
Dorfschul-Lehrer dringend geraten hatte, nicht zu bleiben, sondern
studieren zu gehen.
Der Niedergang des Dorfes begann in den siebziger
Jahren, äußeres Anzeichnen dafür war die Flurbereinigung, die das
Kleinklein der bäuerlichen Strukturen und das Ungeplante und
Zufällige der Jahrhunderte alten Infrastruktur beseitigte. Während
die großen Höfe investierten und immer größer wurden, verschwanden
nach und nach die kleinen, bis schließlich nur noch vier
Vollerwerbs-Landwirte übrig blieben. Monokulturen und Großbetrieben
bilden fortan die ökonomischen Grundlagen von Binkbüll. Auch einige
Städter drängen nach, kaufen für wenig Geld die aufgegebenen,
maroden Bauerhäuser und etablieren sich darin mit alternativen, das
urbane Zeitalter strikt ablehnenden Lebensentwürfen. Auf Freiflächen
entstehen zudem neue Siedlungen mit modernen Häusern, die ebenfalls
von Zugezogenen gekauft werden, die als Pendler zur Arbeit in die
Stadt fahren. Die ehemals fest verschworene Dorfgemeinschaft, in der
jeder jeden gekannt hat und alles seine festen Regeln hatte, löst
sich zunehmend auf, und viele der Einheimischen ziehen weg.
Zeitlich zwischen Jetztzeit und siebziger Jahre
angesiedelt, wird hier mit viel Witz und ohne sentimentale
Schönfärberei vom Strukturwandel erzählt, detailreich und mit einem
durchweg sympathischen Figuren-Ensemble. Leider stören einige
Ungereimtheiten im Plot, insbesondere das plötzliche und spurlose
Verschwinden der schwachsinnigen Mutter von Ingwer Feddersen, das
von allen ungerührt hingenommen wird, so als wäre nur ein
Wellensittich entflogen. – na und? Aber nicht nur die Störche
bleiben weg, weil die Feuchtwiesen trocken gelegt wurden, auch die
Menschen ändern sich in Binkebüll. Beim Vergleich zweier
Klassenfotos stellt der alte Dorflehrer fest, dass die kleinen
Mädchen heute ja alle keine Zöpfe mehr haben, nur noch
Kurzhaarfrisuren! «Flurbereinigung jetzt auch schon auf den
Mädchenköpfen», denkt er resignierend. Auch für Leser, die keine
Nordlichter sind, ist «Mittagsstunde» als liebevoll beschriebenes,
unsentimentales Zeitzeugnis eine bereichernde und unterhaltsame
Lektüre.
3* lesenswert -
Bories vom Berg - 18. März 2025

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