MICHEL
HOUELLEBECQ
KARTE UND
GEBIET
Mit
ministerieller Leseempfehlung
Auch in seinem 2010 mit dem Prix Goncourt
prämierten Roman «Karte und Gebiet» greift Michel Houellebecq auf
für ihn typische Motive zurück, er kritisiert den wuchernden
Kapitalismus ebenso wie die bindungsarme, selbstverliebte
Konsum-Gesellschaft zu Beginn des 21ten Jahrhunderts. Deren Dekadenz
wird hier aber etwas weniger bissig angeprangert, der Ton des Enfant
Terrible der französischen Literatur ist milder geworden. Nach wie
vor jedoch spaltet er das Feuilleton in zwei Lager, was auch bei
diesem Roman deutlich wird. Einer der Protagonisten ist nämlich ein
gewisser Michel Houellebecq, der natürlich auch im Roman ein
umstrittener Schriftsteller ist. In dieser Figur nimmt er sich als
auktorialer Erzähler ironisch selbst aufs Korn, ein kreativ
erdachter narrativer Coup mit einer wahrlich nicht alltäglichen
Wirkung auf den verblüfften Leser.
«Die Welt ist meiner überdrüssig, und ich bin es
ihr gleichermaßen» lautet ein vorangestelltes Zitat von Karl, dem
Herzog von Orleans. Ein solcher Überdruss kennzeichnet auch Jed
Martin, Sohn eines erfolgreichen Architekten, dessen Frau sich das
Leben nahm. Als Halbwaise im Internat erzogen, hat der
eigenbrötlerische 25Jährige nach dem Kunst-Studium erste Erfolge als
Fotograf. Er stellt seine am Computer künstlerisch nachbearbeiteten
Fotografien von Michelin Straßenkarten den entsprechenden
Satellitenbildern gegenüber. Mit dem überraschenden Ergebnis: «Die
Karte ist interessanter als das Gebiet». Später wendet er
sich der Malerei zu und findet schließlich auch einen Galeristen für
seinen Bilder-Zyklus «Serie einfacher Berufe». Bei den
Vorbereitungen für seine erste Ausstellung hat Jed die Idee, Michel
Houellebecq für das Vorwort zum Katalog zu gewinnen. Und tatsächlich
gelingt es ihm, den berühmten Schriftsteller zu überzeugen. Jed
verspricht ihm, neben dem Honorar von zehntausend Euro ein Portrait
von ihm zu malen und es ihm dann nach der Vernissage zu schenken.
Prompt wird Jed zum gefeierten Star der französischen Malerei, er
erzielt Höchstpreise, alle Bilder werden verkauft, schlagartig ist
er ein reicher Mann - und hört endgültig auf mit dem Malen.
Während in dem dreiteiligen Roman, auch durch
diverse Rückblenden, zunächst die Geschichte von Jed Martin erzählt
wird, ist der dritte Teil ganz dem Schriftsteller Michel Houellebecq
gewidmet, der Opfer eines bestialischen Mordes wird. In zwei
Handlungssträngen wird so ein durchaus spannender Krimi mit dem
Künstler-Roman verknüpft. Im Jahre 2035 erleben wir Jed dann am Ende
als 60jährigen in seinem festungsartig abgesicherten, riesigen
Landsitz. Dort hat er sich filmisch zunächst der lebenden Vegetation
gewidmet, die er mit extremem Zeitraffer in kurze Sequenzen
verdichtet. Später beschäftigt er sich künstlerisch mit dem
allmählichen Zerfall von Gegenständen, die er auf gleiche Weise
erfasst und dann mit den Pflanzenvideos zusammenmischt. «Die
Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon» lautet sein
resignatives Motto.
Seine zwei sozial verkümmerten Protagonisten
schildert Houellebecq als harmlose Egozentriker. Mit einer Fülle von
Motiven und durch allerlei zeitkritische Reflexionen angereichert,
beschreibt er nüchtern und beiläufig so unterschiedliche Gegenstände
wie den von der Geldschwemme befeuerten Kunstmarkt, die Technik von
professionellen Fotoapparaten oder die Tücken einer akustisch
virilen Heizung. Er beschäftigt sich aber auch mit Hunden,
Insektensammlern, Silikonbrüsten, dem Schweizer Sterbetourismus und
anderem mehr. Sprachlich souverän und anspielungsreich vereint der
Autor diese disparaten Motive in einem wagemutig konstruierten Plot,
stellt die Persiflage auf seine Person neben den Horror-Thriller,
fügt Beziehungs-Geschichten und Vater-Sohn-Probleme ein. Am Ende ist
Frankreich dann zum reinen Tourismusland geworden, eine
postkapitalistische Dystopie. Genau deshalb hat Wirtschafts-Minister Montebourg diesen Roman zum Lesen empfohlen, - dem schließe ich mich
rein literarisch gerne an!
3*
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- 11. März 2021

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