CHRISTIAN
KRACHT
AIR
Nur
der narrativen Ästhetik verpflichtet
«Air», der neue Roman des skandalumwitterten
Schweizer Schriftstellers Christian Kracht, weist schon mit seinem
surrealistischen Titelbild auf ein zu erwartendes, unkonventionelles
Erzählen hin, das Markenzeichen dieses literarisch höchst
eigenwilligen Autors. Schon seit dem Hype um sein Debüt «Faserland»
zerfällt die Leserschaft in glühende Verehrer und absolute Verächter
seiner Kunst, nicht nur, was deren oft verquere Thematik anbelangt.
Es ist auch die gewollt wirre, zuweilen kaum nachvollziehbare Art
des Erzählens, die derart polarisierend wirkt. Schon der erste Satz
von «Air» liefert eine Idee davon, wie alles relativiert wird
in diesem dystopischen Roman: «Das Leben war voller Sorgen, aber
auch nicht wirklich».
Es beginnt mit einem lukrativen Auftrag, den der
in einer kleinen schottischen Stadt auf den Orkney Inseln lebende
Innenarchitekt Paul von dem angesagten, «leicht spleenigen, sich
selbst absichtlich irrelevant machenden Dekorations-Magazin» namens
«Küki» bekommt. Es geht darum, das geheime, unterirdische
Datenzentrum der amerikanischen Tech-Giganten in einem Fjord
Norwegens neu zu streichen Und zwar in einem zur Bedeutung des Ortes
perfekt passenden Weiß, wofür Pauls weltweit geschätzte Expertise
gefragt ist. Ein zweiter, mittelalterlich anmutender Handlungsstrang
führt in eine Parallelwelt und erzählt von dem neunjährigen,
elternlosen Mädchen Ildr, das mit Pfeil und Bogen auf der Jagd nach
einem Reh im dichten Gebüsch einen ganz in Weiß gekleideten Mann
anschließt. Sie zieht ihn auf einer aus Stöcken zusammen gebastelten
Bahre einen Kilometer weit durch den Wald bis zu ihrer Hütte und
pflegt ihn dort gesund. Er ist auf der Flucht vor den Soldaten des
Herrschers und verschanzt sich schließlich mit ihr in einem Kastell,
wo Ildr mit der weißen Pistole des Mannes bei einem Ausbruch mehrere
Soldaten erschießt, was die anderen in die Flucht schlägt. Als Ildr
den Mann fragt, was das denn für eine Waffe sei, erklärt er ihr, sie
sei von einem 3D-Drucker gemacht worden, und vorne kämen kleine
Kugeln heraus, keine Pfeile.
Hinter allem, was man da liest, versteckt sich
narrativ ein doppelter Boden, alles bleibt rätselhaft und entzieht
sich immer wieder der Deutung. Dazu tragen auch die vielen Verweise
auf die germanische Mythologie bei, ebenso die sich um Künstliche
Intelligenz rankenden Fantasien und die deutlichen Hinweise auf
Literaten, deren Visionen den Autor erklärtermaßen beeinflusst
haben. Selbst Zitate aus Kinderbüchern und bekannten
Hollywood-Spielfilmen gehören zu den deutlich erkennbaren Motiven
dieses erratischen Romans. Dessen Plot dann aber oft Verwirrungen
erzeugt, indem er auch sämtliche zeitlichen Begrenzungen aufhebt.
Die Handlung gerät so zu einer unbekümmert hin und her
oszillierenden Zeitreise ohne Ziel, alles bleibt provokativ in der
Schwebe.
Bei aller Leichtigkeit des Erzählens irritiert
letztendlich dann aber doch die völlige Sinnlosigkeit eines nur der
narrativen Ästhetik verpflichteten, eskapistischen Romans ohne
Inhalt und Bedeutung. Daran ändern auch die vielen sachkundigen
Verweise und gegenseitigen Bezüge in diesem Roman nichts. Sie stehen
erzählerisch quasi im leeren Raum und künden allenfalls von der
Belesenheit des Autors, der sie aber partout in keinerlei
Sinnzusammenhang bringen will. Damit wird ein Tummelfeld bereitet
für die Exegese dieses Werkes, auf dem fantasiebegabte Fans und
realitätsverhaftete Verächter dieses Skandal-Autors munter die
Klinge kreuzen können. Und alle haben Recht! Denn mit lebhafter
Fantasie lässt sich bekanntlich ja sogar jedes Horoskop
verifizieren, - man liest ganz einfach nur das heraus, was man
letztendlich wahr haben will. Für Leser mit Bodenhaftung bleibt zu
hoffen, dass mit «Air» nicht etwa ein neues Zeitalter der Literatur
eingeläutet wird, wie man das fast einhellig jubelnde Feuilleton
interpretieren könnte, - das wäre dann sozusagen die
Post-Postmoderne!
1* miserabel - Bories
vom Berg - 25. März 2025

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