JEAN-MARIE
G. LE CLEZIO
DAS PROTOKOLL
Von
der Gleichheit aller Daseinsformen
Der Debütroman des damals 23jährigen
französischen Schriftstellers Jean-Marie Gustave Le Clézio wurde mit
dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichnet, gleich zu Beginn ein
Ritterschlag also für den späteren Nobelpreisträger. Er sei, hat die
schwedische Jury in ihrer Begründung geschrieben, «ein
Autor neuer Ansätze, poetischer Abenteuer und sinnlicher Ekstase,
Erforscher neuer Menschlichkeit jenseits und unterhalb der
herrschenden Zivilisation.» In dem außerordentlich informativen
Vorwort zu seinem ersten Roman hat sich der junge Autor über das
Verhältnis zwischen Schriftsteller und Leser folgendermaßen
geäußert: «Es gibt einen Augenblick, in dem sich zwischen dem
Erzähler und dem Zuhörer das Vertrauen einstellt und Gestalt
annimmt. Dieser Augenblick ist vielleicht der Augenblick des
‹aktiven Romans›,
dessen wesentlicher Faktor in einer Art Zwang zur Mitarbeit besteht.
Wobei der Text nur ab und zu mit einer Prise Handlung nachhilft». Er
möchte nicht an den veristischen Geschmack des Publikums
appellieren, «mit Seelen-Zergliederung und Bilderbuch-Deutlichkeit,
sondern an seine Gefühle.» Wie auch immer, eine Zuordnung seines
Schreibens zum Nouveau Roman ist allenfalls sehr entfernt zu
erkennen. In einem längeren Interview hat er später dann
erklärt, seine
Lieblings-Romanciers seien Robert Louis Stevenson und James Joyce.
Adam, der 29zigjährige Protagonist der
Geschichte, hat sich in einer unwirtlichen, verlassenen Villa an der
Côte d'Azur einquartiert und lebt dort ziellos und glücklich in den
Tag hinein. Der introvertierte, seltsame Hausbesetzer weiß weder,
wie er da hingekommen ist, noch ob er vorher im Militärdienst war
oder im Irrenhaus. Als Eigenbrödler hat er kaum Kontakte zu anderen
Menschen, auch nicht zu seinen Eltern, die er vor zehn Jahren Knall
auf Fall verlassen hat. Äußerer Anlass dafür war damals eine von ihm
zerbrochene blaue Schüssel, was den Vater sehr in Rage gebracht hat.
Aber daneben war der Wunsch nach Freiheit außerhalb der elterlichen
Sphäre ebenfalls mit im Spiel, Adam hat sich immer eingeengt gefühlt
bei den Eltern und hat seither keinerlei Kontakt mehr mit ihnen. Auf
endlosen Spaziergängen durch die Stadt und am Strand entlang
sinniert er vor sich hin, beachtet jedes Detail in seiner Umgebung,
hinterfragt den Sinn all dessen, was er wahrnimmt, spekuliert über
die Zusammenhänge der Dinge. Er ist finanziell ständig abgebrannt,
leiht sich kleine Beträge, ohne dass jemals von Rückzahlung die Rede
ist oder vom Geldverdienen. Wovon er lebt, bleibt offen, wie auch so
vieles Andere in diesem rätselhaften Roman, der nichts auserzählt
und alle Realitäten souverän ausblendet.
Auch die junge Michelle, an die Adam öfter Briefe
schreibt in seinem gelben Heft und die sie dort sogar beantwortet,
steckt ihm manchmal Geld zu und versorgt ihn mit Zeitungen. Er
schnorrt sich scheinbar überall durch. Hin und wieder stielt er
zuweilen Kleinigkeiten in den Läden, er lebt immer nur von der Hand
in den Mund. Die Natur und auch Tiere spielen in seinem Leben eine
große Rolle, minutiös werden die maritim geprägte Landschaft, die
Gärten und Strände, die Jahreszeiten und das mediterrane Wetter
beschrieben. Wenn er Michelle trifft, aber auch bei allen anderen
Begegnungen, hält er endlose Monologe, philosophiert über Gott und
die Welt. Adam raucht viel, trinkt auch gern mal einen Schluck
zuviel und landet am Ende des Romans zur Beobachtung in einer
psychiatrischen Klinik. Dort läuft der Antiheld zur Höchstform auf,
verblüfft das Ärzteteam mit seinen Erkenntnissen, scheinbar hat er
sogar mal studiert, - er ist jedenfalls intellektuell auf Augenhöhe
mit den Göttern in Weiß.
Stilistisch arbeitet Le Clézio mit den
verschiedensten Textgattungen, baut Aufzählungen, Briefe,
Zeitungsartikel und Formeln mit ein, spielt mit Auslassungen,
Unterstreichungen, Schwärzungen und Tabellen in seinem Text. Der
Versuch des Autors, eine Art Anti-Existenz zu beschreiben, sein
Credo von der Gleichheit aller Daseinsformen, führt den Leser en
passant durch ein Labyrinth philosophischer Fragen, die allesamt
unbeantwortet bleiben, aber inspirierend wirken.
3* lesenswert - Bories
vom Berg - 9. März 2025

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