CHRISTOPH POSCHENRIEDER
DAS SANDKORN
Hält das Böse drin, oder draußen
In seinem dritten Roman «Das Sandkorn» verblüfft Christoph
Poschenrieder seine Leser mit einem jungen Mann, der auf den Straßen von Berlin
Sand ausstreut, misstrauisch beäugt von den Passanten, und so dauert es auch
nicht lange, bis die Polizei einschreitet und den seltsamen Mann zur Vernehmung
mitnimmt. Es ist Krieg, später wird man ihn den Ersten Weltkrieg nennen, und da
muss man auf der Hut sein, alles ist verdächtig. Mit seinem famosen Anfang
erzeugt der Autor einen erzählerischen Sog, der bis zum überraschenden Schluss
seiner Geschichte anhält, ja sogar bis zum Nachwort, der Notiz zur Geschichte
der Geschichte, in der erst man schließlich die letzte Aufklärung findet.
Der mysteriöse Sandstreuer entpuppt sich auf der Polizeiwache
als der Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn, der im Auftrag des Königlich Preußischen
Historischen Instituts in Rom die steinernen Zeugen der Herrschaft des
Stauferkaisers Friedrich II in Süditalien untersucht hat. Mit dem Kriegseintritt
Italiens endete seine Mission, er musste nach Berlin zurückkehren. Poschenrieder
erzählt seine Geschichte zweisträngig, einerseits wird chronologisch über die
Erlebnisse seines Protagonisten berichtet, andererseits wird das Geschehen aus
der Perspektive des verhörenden Kommissars Treptow dargestellt, dessen
Manuskript mit Lebenserinnerungen in Einschüben zitiert wird. Beides ist
interessant zu lesen und obendrein recht aufschlussreich, der
kunstgeschichtliche Teil ebenso wie der kriminalistische.
Tolmeyn ist homosexuell, eine Neigung, die auszuleben vor
hundert Jahren mit dem Strafgesetzbuch, dem berühmt-berüchtigten §175,
kollidierte und entsprechend geahndet wurde. Als er deswegen erpresst wird,
flüchtet er aus Berlin in eine Anstellung in Rom, von wo aus er schon bald als
Forschungsleiter, immer auf den Spuren des zu seiner Zeit als Stupor mundi
bewunderten Kaisers Friedrich II, verschiedene süditalienische Regionen bereist.
Bei den Vermessungen, Ausgrabungen und fotografischen Dokumentationen der
Bauwerke hilft ihm sein Kollege Beat, ein junger Wissenschaftler aus der
Schweiz. Die Beiden verstehen sich nach anfänglicher Skepsis allmählich immer
besser, entwickeln schließlich sogar große Sympathie füreinander, ohne dass über
das rein Freundschaftliche hinaus eine weitergehende Beziehung entsteht. Der
Autor schildert all dies extrem distanziert, die gleichgeschlechtliche Neigung
wird von ihm kaum angedeutet, geschweige denn thematisiert. Tolmeyn entdeckt bei
der mikroskopischen Untersuchung von Sandproben deren für jeden Fundort
unterschiedliche, charakteristische Struktur, er sammelt daraufhin fleißig
Proben aller besuchten Orte zur späteren Auswertung. Bei einer weiteren Reise in
gleicher Mission werden die beiden Forscher dann von Letizia begleitet, die als
Aufpasserin für den italienischen Staat fungiert. Auf ihren Wunsch hin
unternimmt man gemeinsam einen privaten Ausflug zur Hexe von Barile, einer
Seherin, die einem von ihnen großes Unglück prophezeit. Als die alte Frau am
Ende murmelnd und Sand streuend ihr Haus umkreist, lautet ihre Antwort auf die
erstaunte Frage nach dem Warum: «Hat immer geholfen. Hält das Böse drin, oder
draußen».
Mit dem gut durchdachten Aufbau des Plots, von dem der
Spannung wegen hier nicht mehr verraten werden soll, in einer leicht lesbaren
Sprache unpretiös erzählt, ruft Poschenrieder nicht nur bei Italienliebhabern
glänzende Augen hervor mit seiner netten Geschichte. Man lässt sich gern
einfangen vom Zauber der besuchten Stätten, deren wichtigste, den Höhepunkt
bildend, das Castell del Monte ist, von dem uns schon im Vorspann des Buches ein
Foto aus dem Jahre 1908 empfängt, die «Kaiserkrone aus Stein» jenes Federico
Secondo, des heimlichen Helden dieses Romans.
3*
lesenswert - Bories vom Berg - 25. Oktober 2014

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