GEORGE
SAUNDERS
LINCOLN IM
BORDO
Nicht
einfach zu lesen, aber lohnend
Der für seine Kurzgeschichten gerühmte
US-amerikanische Schriftsteller George Saunders hat mit «Lincoln im
Bardo» erstmals einen Roman vorgelegt. Der Debütroman des in
Deutschland weitgehend unbekannten Autors wurde 2017 mit dem
britischen Booker-Preis geehrt. Die Jury lobte ihn als «in Form und
Stil äußerst originellen Roman, der eine geistreiche, intelligente
und
zutiefst bewegende Erzählung zutage fördert». Erzählt
wird eine auf Zeitungsberichten fußende Begebenheit um den
amerikanischen Präsidenten Lincoln, der nach der Grablegung seines
kleinen Sohnes in tiefster Nacht noch einmal die Gruft aufsuchte, um
ihn ein letztes Mal in den Armen zu halten. Insoweit also ein Roman
nach einer wahren Begebenheit. Spätestens mit dem titelgebenden
Begriff «Bardo» aber wird deutlich, dass es hier um Überirdisches
geht, um einen im tibetanischen Buddhismus beschriebenen
Zwischenzustand nach dem Tode und vor dem endgültigen Eingehen ins
Jenseits.
Während der Wirren des amerikanischen
Bürgerkriegs erleidet Präsident Lincoln einen schlimmen persönlichen
Verlust, als im Februar 1862 sein über alles geliebter, elfjähriger
Sohn Willie während eines großen Staatsempfangs an Typhus stirbt.
Nach dem feierlichen Begräbnis sucht er noch in der gleichen Nacht
ganz allein das Grab auf. Aber Willie bekommt nicht nur Besuch von
seinem trauenden Vater, auch andere gerade erst Verstorbene leisten
ihm dort Gesellschaft. Zwei von ihnen sind sogar überzeugt, dies
wäre nur ein temporärer Aufenthaltsort für sie, bald könnten sie
wieder ins Leben zurückkehren. Ihre Särge bezeichnen sie als
Kranken-Kisten, der Friedhof ist für sie nur der Kranken-Hof. Einer
der Beiden ist Roger Bevins III, der ständig in Erinnerungen
schwelgt und körperlich nur noch aus Augen, Ohren, Nase und Händen
in einer undefinierbaren Fleischmasse besteht. Hans Vollman wurde
von einem Balken erschlagen und hat ein riesiges Loch im Kopf. Der
junge Mann träumt von nichts anderem, als ein erstes Mal mit einer
Frau zu schlafen, sein Penis ist ständig erigiert. Viele der Figuren
im Zwischenreich sind dem Leben scheinbar näher als dem Tod, aber
sie empfinden intensiver. Alle sind sich ihrer Unvollkommenheit im
Leben äußerst schmerzlich bewusst, eine seelische Diskrepanz, die
als verspätete Erkenntnis manchmal durchaus komisch wirkt.
Willie wird von Dämonen
bedrängt, die ihn endgültig ins Jenseits befördern wollen, böse
Mächte locken ihn, Lianen fesseln ihn an seine Gruft, eine an die
Plazenta erinnernde Haut überwuchert ihn. Neben solchen, an eine
‹Gothic Novel›
erinnernden Schauerelementen handelt es sich hier aber vor allem um
einen historischen Roman. Seine vielen Figuren aus allen
Gesellschafts-Schichten erzählen in Ich-Form aus ihrem Leben,
Soldaten natürlich, diverse enttäuschte Ehefrauen, dieser und jener
Reverend, am Suff Gestorbene, Ganoven und andere mehr. Der
gefürchtete Eisenzaun trennt diesen Teil des Friedhofs von den
Armengräbern «ohne Krankenkiste» ab und vom Massengrab der Sklaven.
Diese
Geschichte aus dem Geisterreich zur Zeit des Sessionskrieges wird
ähnlich einer antiken Tragödie von einem vielstimmigen Chor aus
Toten in 108 kurzen Kapiteln erzählt. Wobei die einzelnen der mehr
als hundertfünfzig Stimmen oft nur sequenziell sich ergänzende
Worte, Satzteile oder Kurzsätze beisteuern, und zwar in ihrer
ureigenen Diktion. Diese munter palavernden Geisterstimmen werden
häufig noch ergänzt um historisch verbürgte oder fiktive Zitate aus
Briefen, Zeitungsausschnitten, Dokumenten und anderem mehr.
Gleichwohl aber ist die Bezeichnung Roman hier ziemlich irreführend,
eine derart eigenwillige Erzählweise konterkariert gnadenlos alle
gängigen Erwartungen an diese literarische Gattung. Und so unterhält
das Buch den Leser als eine mit ironischer Distanz angelegte
historische Meditation über das Jenseits, über das nachzudenken man
ja erst wirklich beginnt, wenn es gar nicht mehr anders geht. Nicht
einfach zu lesen, aber lohnend!
4* erfreulich -
Bories vom Berg - 23. Juni 2021

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