HEINZ
STRUNK
ES IST IMMER
SO SCHÖN MIT DIR
Konzentrat
aus 40 Jahren Liebesleben
Als Spezialist für menschliche Abgründe hat Heinz
Strunk auch seinem neuen Roman «Es ist immer so schön mit dir»
wieder eine düstere Thematik zugrunde gelegt, eine nur als toxisch
zu bezeichnende Liebesgeschichte. Er lässt ein Paar zu einander
finden, die beide als seelisch eher verkrüppelte Figuren so gar
nicht zusammenpassen. Eine Amour fou also, bei der das Scheitern
vorprogrammiert ist. Wie die flapsige Erkenntnis «Männer und
Frauen passen einfach nicht zusammen» hier am Beispiel demonstriert
wird, das ist trotz des wenig originellen Themas sehr eindrucksvoll,
und gekonnt erzählt ebenfalls.
Als Musiker ist der namenlose Protagonist mit
Mitte zwanzig gescheitert. Er hat daraufhin ein Tonstudio eröffnet,
in dem er seit nunmehr zwei Jahrzehnten Hörbücher und Hörspiele
produziert, außerdem vertont er Produktvideos, Tutorials und anderes
mehr. Davon kann er inzwischen gut leben, er ist insoweit eigentlich
ganz zufrieden. Seine Freundin Julia ist Mathematiklehrerin, sie
sind schon einige Jahre liiert. Er fühlt sich jedoch geradezu
gefangen in dieser Beziehung, und der Sex ist inzwischen auch immer
seltener geworden. Mit Vanessa lernt er plötzlich eine halb so alte
Traumfrau kennen und wundert sich, dass die eher spröde Schöne
ausgerechnet an ihm Gefallen findet. Er trennt sich daraufhin von
Julia. Seine neue Liebste schlägt sich als wenig erfolgreiche
Schauspielerin recht und schlecht mit allerlei Gelegenheitsjobs
durchs Leben, beide sind beruflich allenfalls Mittelmaß. Sie erleben
einen sexuellen Rausch miteinander, worauf ja auch der Titel «Mit
dir ist es immer so schön» deutlich anspielt. Aber sie sind nicht
nur dadurch aufeinander fokussiert, sie verstehen sich auch in
vielerlei anderer Hinsicht. Sein unverhofftes Glück, aber auch das
Chaos, das sie in sein Leben bringt, bindet ihn gleichermaßen an die
rätselhaft bleibende, junge Frau. Er kommt trotz vieler Probleme und
mancher Enttäuschung, die sie ihm beschert, einfach nicht mehr los
von ihr.
In einem Mix aus Tragik und Komik erzählt der
Autor aus einer zutiefst machohaften Sicht von der Midlife-Crisis
seines wehleidigen, typisch strunkschen Antihelden. Wobei er ihm
auch keines der Fettnäpfchen erspart, in das all die zunehmend
verknöchernden, bindungsunfähigen ewigen Junggesellen so gern
hineintreten. Die magersüchtige, als Jugendliche vom Diakon
missbrauchte Vanessa hingegen bleibt als oft eher kalt erscheinende
Figur nicht nur unberechenbar, sondern auch ziemlich konturlos. Der
Autor entwickelt seine Figuren mit Hilfe oft funkelnder, zuweilen
sogar amüsanter Dialoge, die in der Geburtstagsfeier von Vanessa zu
einer virtuosen Redeschlacht mit deren neunmalkluger Schwester
ausarten. Überhaupt sind etliche der Figuren recht schrullige Typen,
die genüsslich mit allen ihren Ecken und Kanten geschildert werden.
Der Roman ist das verstörende Psychogramm eines gescheiterten
Künstlers, der sich notfalls mit viel Alkohol aus seinem seelischen
Trümmerfeld in eine bessere Welt säuft. Am Ende stellt er dann immer
ernüchtert fest, dass sie davon auch nicht besser geworden ist und
die große Liebe wohl scheitern wird.
Diese düstere Geschichte ist in
einer angenehm lesbaren Sprache geschrieben, in weiten Teilen mit
dem für den Autor typischen Stilmittel der erlebten Rede, wobei auch
sein morbider Humor nicht zu kurz kommt. Auffallend als
erzählerische Besonderheit ist dabei seine ausgeprägt olfaktorische
Beschreibung ekelerregender Szenerien, wohl um Unbehagen
auszudrücken. Dem wird eine bei Männerhaushalten eher selten
anzutreffende Putzwut des geruchsempfindlichen Helden
gegenübergestellt. In Abkehr von seinen bisher autobiografisch
geprägten Themen, die inzwischen «auserzählt» seien, hat Strunk nun
sein Thema gewechselt: «Das Buch fasst alle meine Erfahrungen aus 40
Jahren Liebesleben zusammen», hat er dazu erklärt. Und das ist ihm,
von einigen Ungereimtheiten abgesehen, zu denen auch ein roter Slip
gehört, tatsächlich gelungen.
3*
lesenswert -
Bories vom Berg - 18. Oktober 2021

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