DAVID
WAGNER
LEBEN
Zäsur
im Leben eines Schriftstellers
In seinem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse
für Belletristik ausgezeichneten, autobiografischen Buch von 2013
mit dem Titel «Leben» schildert der Schriftsteller David Wagner die
Geschichte seiner Organ-Transplantation. Wegen einer
Autoimmun-Hepatitis, die dazu führt, dass die Leber als Fremdkörper
aus dem Organismus ausgestoßen wird, wartet er als todkranker junger
Mann auf ein Spenderorgan. Das Buch beginnt mit einem Anruf aus dem
Krankenhaus, in dem ihm mitgeteilt wird, dass eine passende
Spenderleber gefunden wurde und er umgehend zur Operation kommen
solle. Die Erzählung ist, deutlich markiert, in zwei Teile getrennt,
in Vor und Nach der Operation. Gegliedert in 277 unterschiedlich
langen, völlig ungeordneten Erzählschnipseln endet sie mit einem
Epilog, in dem im Medizinerlatein vom Ergebnis der ersten
Kontroll-Untersuchung berichtet wird, die routinemäßig ein Jahr nach
dem Eingriff durchgeführt wurde und die zu einem positiven Ergebnis
geführt hat.
So sehr er auch darauf gewartet hat, ein
Spenderorgan zu bekommen, so sehr kommen ihm anfangs auch die
Zweifel, ob er sich dieser sein ganzes Leben verändernden OP
wirklich unterziehen soll. Es drängen sich ihm plötzlich viele
Fragen auf: Wie wird sich das Leben für ihn ändern in dem
Bewusstsein, ein fremdes Organ in sich zu tragen? Mit welchen
Komplikationen muss er rechnen? Ist er danach wirklich noch der
Selbe? Lebt er dann nicht auf Kosten des unbekannten Spenders? Ist
so ein Leben überhaupt erstrebenswert? Lohnen sich denn die Opfer,
die er dafür bringen muss? Und bekommt er mit der neuen Leber
letztendlich auch wirklich die Chance, länger leben zu können?
Solche Fragen stehen im Mittelpunkt dieser Erzählung von einer
Transplantation, von der familiär auch sein Kind und sein Vater
betroffen sind.
In vielen Rückblicken erzählt er Begebenheiten
und Erlebnisse aus seinem Leben, berichtet von seinen Gedanken,
Hoffnungen, Ängsten und seiner Verzweiflung. Er reflektiert über das
Leben und über den Tod, über moralische Fragen, aber auch über die
emotionalen Herausforderungen und Zumutungen, die seine Krankheit
für ihn und die Seinen bedeutet, und natürlich auch über die
Chancen, die sich damit für ihn ergeben könnten. Wie von einer Insel
aus beobachtet er aus der Geborgenheit seines Krankenbettes heraus
die medizinischen und pflegerischen Aktivitäten des Personals, das
sich unermüdlich rund um die Uhr um ihn und seine Bettnachbarn und
Leidensgenossen bemüht. Die Langweile eines zumeist im Bett liegend
und vor sich hindösend verbrachten Tagesablaufs ermuntert manchen
Kranken sogar zu Lebensbeichten. Sie reden also nicht nur über ihre
Krankheiten und Gebrechen, sie berichten auch von
Schicksals-Schlägen. So etwa der Libanese, der davon erzählt, dass
er seine beiden Brüder im Bürgerkrieg verloren hat. Und da ist auch
der Getränkehändler im Nachbarbett, der sich heimlich aus ihrem
Zimmer davonschleicht, um seine Geliebte zu besuchen, wie er
gesteht. Immer wieder schielt auch der Ich-Erzähler nach den Frauen,
die ihn umsorgen und dabei Sehnsüchte in ihm wecken, deren er sich
in seiner hilfsbedürftigen Situation durchaus schämt, die er aber
partout nicht zu unterdrücken vermag.
Als Buch ohne Gattungsbezeichnung besteht «Leben»
aus literarischen Miniaturen, die in ihrer Fülle und thematischen
Vielfalt ein enges narratives Geflecht bilden. Darin enthalten sind
neben Glücksmomenten voller Zuversicht auch dramatische Szenen des
Überlebens-Kampfes und der Todesnähe. Die phonetische Nähe der
dieses Buch prägenden Begriffe «Leben» und «Leber», die für den
Ich-Erzähler ja fast identisch sind, führen dann prompt auch
tatsächlich einmal dazu, dass er sie in einer SMS verwechselt.
Stilistisch distanziert, oft essayartig erzählt, wirkt dieses
nachdenklich machende Buch gleichwohl berührend auf den Leser. Nicht
zuletzt wohl auch deshalb, weil er ja jederzeit selbst an einem
solchen Kipppunkt seines Lebens stehen könnte.
3* lesenswert - Bories
vom Berg - 1. März 2025

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