

ANNE
WEBER
ANNETTE,
EIN
HELDINNENEPOS
Leserherz,
was willst du mehr?
Mit «Annette, ein Heldinnenepos» setzt Anne Weber
der französischen Rebellin Anne Beaumanoir schon zu Lebzeiten ein
Denkmal. Die 1923 geborene Ärztin engagiert sich bis heute auf
Vorträgen gegen Unheil stiftenden Nationalismus ebenso wie gegen
rassistischen und religiösen Fanatismus. Bei einem solchen Vortrag
hat die Autorin sie persönlich kennengelernt, ihre
Gespräche mit der betagten Dame sowie deren jüngst auf
Deutsch erschienene Autobiografie dienten ihr als Vorlage. Für ihr
Engagement während der Judenverfolgungen im besetzten Frankreich
erhielt die Widerstandskämpferin den von der Holocaust-Gedenkstätte
Yad Vashem verliehenen Ehrentitel «Gerechte unter den Völkern».
Dieses Sujet nun wird narrativ in der nicht gerade alltäglichen Form
eines Prosagedichtes umgesetzt, was aber, anders als befürchtet, den
Lesefluss in keiner Weise stört. Vielmehr wird dadurch ganz subtil
das Heldische ihrer Geschichte betont.
Schon als Jugendliche engagiert sich Annette in
der kommunistischen Gruppe der Résistance und wird mit allerlei
Botendiensten betraut. Bei einer von ihr allein durchgeführten,
spontanen Aktion kann sie zwei Juden in letzter Sekunde vor den
Nazis retten. Von ihrer Organisation aber wird sie gerügt, weil sie
bei ihrem unkoordinierten Alleingang gegen die strengen
Sicherheitsregeln für die Untergrundarbeit verstoßen hat. Nach dem
Krieg studiert sie, heiratet einen Arzt, mit dem sie drei Kinder
hat, und arbeitet als Professorin für Neurologie. Bis sie
schließlich Mitte der fünfziger Jahre während des Algerienkriegs
Partei ergreift für die von Ben Bella gegründete FLN und erneut in
den Untergrund geht. Die hehren Werte der ‹Grande Nation›,
liberté-egalité-fraternité, werden damals geradezu mit Füßen
getreten, sie unterstützt deshalb ohne Rücksicht auf private und
familiäre Interessen den Freiheitskampf. Mutmaßlich durch Verrat
fliegt sie irgendwann auf, wird verhaftet und zu zehn Jahren
Gefängnis verurteilt, kann aber vor Haftantritt nach Tunesien
fliehen. Von dort aus ist sie wieder eingebunden in die
Befreiungs-Bewegung und nimmt nach Ausrufung der nationalen
Unabhängigkeit einen hohen Posten ein im Gesundheitswesen des neuen
Staates Algerien. Bis 1965 schließlich durch einen Militärputsch
Boumedienne die Macht übernimmt und Annette erneut fliehen muss. Da
sie in Frankreich per Haftbefehl gesucht wird, geht sie in die
Schweiz, wo sie in Genf bis ins Rentenalter als Leiterin einer
neurophysiologischen Klinik arbeitet. Nach der lang erwarteten
Amnestie siedelt sie sich schließlich in Dieulefit an, einem kleinen
Ort im Südosten Frankreichs, wo sie heute noch lebt.
Annette ist rückblickend im Zweifel, ob sich ihr
Einsatz, all ihre Entbehrungen denn wirklich gelohnt haben. Was ihr
Engagement für die Résistance anbelangt hat sie keine Zweifel, was
aber aus Algerien geworden ist nach der Befreiung, das sieht sie mit
Sorge. Und es gibt dort politisch ja auch bis heute keinen
Lichtblick, ‹Arabischer Frühling› hin oder her! Am Ende wird Camus
zitiert, der die Sache weise zurechtrückt: «Der Kampf, das
andauernde Plagen und Bemühen hin zu großen Höhen, reicht aus, ein
Menschenherz zu füllen. Weshalb wir uns Sisyphos am besten glücklich
vorstellen».
«Es ist atemberaubend, wie frisch hier die alte
Form des Epos klingt», schreibt die Jury des Deutschen Buchpreises
2020 in ihrer Begründung zur Preisverleihung. Und in der Tat stellt
die Sprache die größte Überraschung dar in diesem untypischen Epos
so ganz ohne strahlende Heldin. Ohne Verklärung, aber auch ohne
Ironie wird hier locker erzählt, wobei die Erzählerstimme sogar den
Klappentext mit einbezieht und amüsante Abschweifungen einstreut:
«Kaum ist der Indochinakrieg zu Ende und Frankreich (ohne Annettes
Zutun) um eine Kolonie kleiner…» Durch historische Einblicke
bereichert, durch eine spannende Geschichte gut unterhalten, durch
eine virtuose Sprache höchst erfreut, stellt sich hier die
literarische Urfrage: Leserherz, was willst du mehr?
5*
erstklassig - Bories vom Berg
- 13. November 2020

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