DORIS
WIRTH
FINDET MICH
Eher
verstörend als unterhaltend
In ihrem Debütroman «Findet mich» zeichnet die
Schweizer Schriftstellerin Doris Wirth das düstere Bild eines Mannes
in einer psychischen Krise, die sich zu einer handfesten Psychose
auswächst. Dabei beschreibt sie nicht nur den Krankheitsverlauf
ihres Protagonisten, sie schildert vielmehr in allen Details auch
dessen familiäres Umfeld, das unter den Symptomen seiner Erkrankung
am meisten zu leiden hat. Oberflächlich betrachtet könnte man von
einer späten Midlifecrisis des gerade arbeitslos gewordenen
51Jährigen sprechen, aber die Ursachen für sein zunehmend
krankhafter werdendes Verhalten liegen in Wahrheit tief in ihm
selbst, sein Seelenfrieden ist massiv gestört. Der narrative Rahmen
des Romans beginnt mit der unangekündigte Flucht seines
Protagonisten Erwin, der sich eines Tages einfach in sein Auto setzt
und seine Familie im Kanton Zürich mit unbekanntem Ziel verlässt,
und er endet mit dem pflegebedürftigen, kaum wieder zu erkennenden
Kranken,, nur noch ein
Schatten seiner selbst, der nach langer, intensiver Therapie wieder
zu Hause ist.
In einem fünf Generationen umfassenden Prolog
führt Florence, die erwachsene Tochter von Erwin und Maria, den
Leser als Ich-Erzählerin in die familiäre Geschichte ein. Aus
auktorialer Perspektive wird dann im ersten Teil des Romans der
Aufbruch von Erwin geschildert, der seinen rigorosen Rückzug aus der
Familie als Spiel begreift, immer nach dem titelgebenden Motto:
«Findet mich». Er wird, hat er sich vorgenommen, höchstens hier und
da mal eine Spur von sich hinterlassen, hält sich aber für so
clever, sich trotzdem nicht erwischen zu lassen bei seiner Flucht.
Denn er fühlt sich klar überlegen und lacht bei dem Gedanken, was er
da alles auslösen wird bei der bald beginnenden, hektischen Suche
nach ihm. Aus Erwins Innensicht erzählend, oft in der narrativen
Form des Bewusstseinsstroms, schildert die Autorin die
vordergründigen Motive für seine odysseeartige Irrfahrt aus der für
ihn unerträglich gewordenen Realität in eine imaginierte, rosige
Zukunft. Er träumt vom geradezu archaischen Leben in unverfälschter
Natur, frei von allen lästigen Zwängen und von den nervtötenden,
alltäglichen Querelen, insbesondere die mit seinen beiden Kindern.
Florence leidet an Bulimie, und Lukas ist ein Kiffer, der sich nicht
für die Schule. sondern nur für seine Musik interessiert.
Aus ständig wechselnden Perspektiven und zeitlich
vor und zurück springend beschreibt Doris Wirth sehr anschaulich und
nachvollziehbar ihren Protagonisten als einen naiven Freigeist, der
untertaucht in ein vermeintlich wildes Abenteuer. Er wird
dargestellt als kompromissloser Aussteiger aus dem verachtenswert
angepassten und miefigen Leben des typischen Spießbürgers zwischen
Arbeit, Kleinfamilie und dem obligatorischen Feierabendbier. Der
dann auch noch jeden Samstag vor der Garage sein Auto auf Hochglanz
poliert wie all die Nachbarn auch. Seine Tochter Florence, aber auch
sein Sohn Lukas fordern mit ihrer nachlässigen Lebensweise zunehmend
seinen Unmut heraus, er ist bald nicht mehr bereit, ihren
Schlendrian und die Faulheit hinzunehmen, die sie an den Tag legen
im familiären Zusammenleben. Am Ende rastet er schon beim kleinsten
Anlass aus und brüllt die Beiden völlig unbeherrscht an, ohne damit
allerdings irgendwas ändern zu können. Seine Frau steht auf Seiten
der Kinder und versucht ihn zu bremsen, meistens allerdings
vergeblich.
In kurzen Sätzen und bunt durcheinander werden
die Ereignisse aus wechselnder Perspektive aller vier
Familienmitglieder sehr ausführlich geschildert, oft auch als
innerer Monolog, wobei eine gewisse Orientierungslosigkeit erkennbar
ist, die familientypisch zu sein scheint. Jeder von ihnen sucht
seine Freiräume, nicht nur der Vater, der dies am konsequentesten
tut, ausgedrückt nicht nur durch seine irre Flucht, sondern auch
durch sexuelle Kapriolen, die seine Frau zu akzeptieren gezwungen
ist. Konsequent am Thema
einer Reise in die unbekannten Tiefen einer Psychose bleibend, wirkt
dieser Roman als Lektüre eher verstörend als unterhaltend.
2* mäßig - Bories
vom Berg - 14. Februar 2025

© Copyright 2025
|