

JULIA
SCHOCH
WILD NACH
EINEM
WILDEN TRAUM
Wenn
Literatur ihren Zweck erfüllt
Der jüngst erschienene Roman «Wild nach einem
wilden Traum» von Julia Schoch ist der letzte einer unter dem Titel
«Biografie einer Frau» erschienenen, unabhängig voneinander zu
lesenden Buchreihe. Auf dem Umschlag des Buches hat sie dazu
erklärt: «Was ich in der Trilogie erzähle? Dass wir unterschiedliche
Rollen im Leben haben und oft nicht wissen, was wir für andere sind.
In den drei Büchern möchte ich Gerechtigkeit walten lassen. Ein
Wunschtraum, vielleicht. Aber ein schöner.» Herausgekommen ist dabei
zum Abschluss nun dieser autofiktionale Roman, in dem von einer
Schriftstellerin aus Mecklenburg-Vorpommern erzählt wird, die an
einem Kipppunkt ihres Lebens steht. Die namenlos bleibende
Protagonistin des Romans erzählt in zwei Handlungs-Strängen von der
Liebesaffäre mit einem Mann und von der für ihr Leben folgenreichen
Begegnung als Mädchen mit einem jungen Soldaten.
Anlässlich eines Stipendiums in den USA lernt sie
als angehende Schriftstellerin einen spanischen Kollegen kennen, der
nicht müde wird zu betonen, er sei Katalane. Was sie als in der DDR
aufgewachsenes Kind sehr erstaunt, war doch die Wiedervereinigung
der zwei deutschen Staaten für sie ein endlich wahr gewordener, lang
ersehnter Traum. Der ebenfalls namenlos bleibende Katalane hingegen
träumt von der staatlichen Abtrennung seiner Region von Spanien. Sie
ist fasziniert von diesem charismatischen Mann, der als
Schriftsteller bereits sehr erfolgreich ist, und sucht bei den
abendlichen Gesprächen der Stipendiaten seine Nähe. Denn er ist auch
ein begnadeter mündlicher Erzähler, dem alle gern zuhören. Als er
ihr wenige Tage später nach einem Abendessen per Handzeichen
signalisiert, er erwarte sie in fünf Minuten in seinem Zimmer, folgt
sie ihm ohne Zögern. Sofort, ohne jedes verliebte Vorgeplänkel,
haben sie einfach nur rauschhaften Sex miteinander. Unmittelbar
danach reden sie dann wieder über Literatur und das Schreiben, für
das sie ja alle hierher gekommen sind, in die ablenkungsfreie Ruhe
einer ländlichen Ödnis nahe New York.
Die Begegnung der damals zwölfjährigen
Protagonistin mit dem jungen NVA-Soldaten aus der benachbarten
Garnison am Stettiner Haff, in der auch ihr Vater als Offizier
stationiert ist, markiert einen zweiten Kipppunkt ihres Lebens. Sie
trifft ihn zufällig bei einem Spaziergang im Wald, wo er Pilze
sucht, unterhält sich angeregt mit ihm, und bald treffen sie sich
dann regelmäßig an gleicher Stelle. Er ist sehr an Literatur
interessiert und bestärkt sie wirkungsvoll in ihrem «wilden Traum»,
eine Schriftstellerin zu werden. Beide Themen, die Liebe und die
Schriftstellerei, werden in diesem Roman abwechselnd und in
parallelen Handlungssträngen mit allerlei philosophischen
Gedankengängen verknüpft. Erzählerisch auffallend distanziert, quasi
nebenbei, erfährt der Leser dass die Protagonistin verheiratet ist,
zwei Kinder hat, früher gerne mit ihrem Mann gereist ist und ihn
jetzt nur noch manchmal zum Essen in einem Restaurant trifft. Mehr
erfährt man nicht dazu!
Julia Schoch nähert sich ihrer Thematik völlig
emotionslos. Der Katalane im Roman ist Liebhaber der Ich-Erzählerin
für wenige Wochen, von einer verzehrenden Liebe ist hier nicht die
Rede. Ihre Affäre mit ihm war letztendlich nur der Anstoß für die
Protagonistin, ihr bisher eher langweiliges, angepasstes Leben neu
zu ordnen. Es geht um das Verstehen in diesem Roman eines
Frauenlebens, um die Wechselwirkungen des Lebens und des Schreibens,
letztendlich um die Frage, was wahr ist. Schafft das Schreiben eine
neue Wahrheit? Verändert das Schreiben die Wahrheit? Ist Liebe
Wahrheit oder Illusion? Ist Liebe überhaupt ein eindeutiger Begriff?
Wie verändert Zeit die Liebe? Kann Literatur Wirklichkeit schaffen?
In stilistischer Form des Bewusstseinstroms geht ein wahrer Regen an
Fragen auf den Leser nieder, die ihn förmlich zu kontemplativer
Mitwirkung anregen, vielleicht sogar dazu zwingen. Wenn Literatur
das schafft, hat sie wahrhaftig ihren Zweck erfüllt!
5* erstklassig - Bories
vom Berg - 20. Februar 2025

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