STEPHAN THOME
FLIEHKRÄFTE
Kommentar lesen
Wenn
die Kinder aus dem Haus sind
Schon
der Titel des Romans von Stephan Thome deutet an, worum es geht. Fliehkräfte
sind jene aus der Masseträgheit resultierenden Kräfte, die bei krummliniger
Bewegung eines Körpers dessen Richtungsänderung zu verhindern suchen. Protagonist der in der Gegenwart angesiedelten
und im Präsens erzählten Geschichte ist ein honoriger Philosophieprofessor,
dessen wohlgefälliges, bürgerliches Leben im beschaulichen Bonn aus den Fugen
geraten ist. Den Rahmen der Handlung skizziert Thome sehr gekonnt durch die
Pointe eines eingefügten Witzes. «Menschliches Leben beginnt, wenn die Kinder
aus dem Haus sind» erklärt lebensklug ein Rabbiner seinen verdutzten
katholischen und evangelischen Berufsgenossen, die natürlich Zeugung respektive
Geburt als Beginn ansehen.
Prof.
Hainbachs Tochter studiert in Spanien, seine Frau
arbeitet als Assistentin eines chaotischen Theatermenschen in Berlin, man führt
seit zwei Jahren eine Wochenendehe. Auch beruflich ist er frustriert durch die
Reformwut an den Universitäten, die selbst vor seiner Fakultät nicht haltmacht.
Als er überraschend ein Angebot eines befreundeten Verlegers aus Berlin bekommt,
steht er plötzlich vor einer folgenschweren Entscheidung. Er ist unschlüssig und
flüchtet sich spontan in eine Reise, die sich als Selbstfindungstrip über viele
Stationen erstreckt und als ganz persönlicher Jakobsweg bei seiner Tochter in
Santiago de Compostela endet.
Die
durchgängig aus der Perspektive des Protagonisten erzählte Geschichte zeigt uns
in vielen gekonnt eingebauten Rückblenden und Episoden recht anschaulich und
stimmig seinen Lebensweg auf. Thomes Sprache ist klar und unaufgeregt, leicht
lesbar und niemals langatmig. Sein Plot ist mit lebensnahen Dialogen und vielen
atmosphärischen Details üppig angereichert und trifft letztendlich punktgenau
die Befindlichkeiten unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft, beschreibt
zutreffend ein gegenwärtiges Zeitgefühl. Wir haben alles und sind doch nicht
zufrieden, Melancholie also allenthalben. Die Personen sind treffend
geschildert, bleiben aber seltsam distanziert, pralles Leben ist anders. Nur
die Schwester des frustrierten Helden, die «kleine dumme Ruth», wird froh und
lebensklug dargestellt, der proletarische, mit dem Leben besser zurechtkommende
Gegenentwurf zu all den anderen eher schwermütig bourgeoisen Charakteren des
Romans.
Der
Vergleich zu manchen hoch gelobten amerikanischen Autoren drängt sich bei diesem
Buch geradezu auf. Thome steht da durchaus in gleicher Erzähltradition mit
seiner üppig angelegten Prosa, deren Lektüre nicht minder angenehm ist, wenn
man diesen Stil denn mag. Ein entscheidender Vorteil ist sogar, für mich
jedenfalls, das nichtamerikanische Milieu, in dem sich diese Geschichte
abspielt. Dass allerdings auch hier sehr viele Klischees bemüht werden, die
Anspielungen unübersehbar dick aufgetragen werden, mag manchen Leser stören,
liegt aber doch voll im Trend der schon erwähnten, gattungstypischen Literatur.
Über Gehalt und Motive, über die Botschaft dieser Geschichte kann man trefflich
streiten, und man tut es ja auch, bei den Rezensionsprofis genauso wie bei den
Kritikerlaien. Ohne Zweifel wird man gut unterhalten, bekommt manchen
interessanten Einblick und erhält ganz unvermutet Schützenhilfe bei der
eigenen Standortbestimmung, falls man denn bereit ist, über den Stoff hinaus
auch noch ein wenig weiter zu denken.
3*
lesenswert
- Bories vom Berg - 29. Januar 2013

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