Decamerone
in der Jockey-Bar
«So gut wie ein Roman» lautet der ironische Untertitel eines
meiner unterhaltsamsten Bücher, ich habe es nach Jahrzehnten jetzt gerade äußerst
erfreut wieder gelesen. «Am grünen
Strand der Spree», 1955 erschienen und ein geradezu sensationeller Erfolg
damals, ist heute nur noch antiquarisch zu haben. Und auch dessen Verfasser Hans
Scholz ist, trotz einer Neuausgabe der berühmten fünfteiligen Fernseh-Verfilmung
auf DVD, - ein echter «Straßenfeger» zu jener Zeit -, und trotz diverser
TV-Wiederholungen, als Autor inzwischen leider weitgehend in Vergessenheit
geraten. Seinem wie ein Komet am Literaturhimmel aufleuchtenden Debütroman
folgte nämlich kein weiterer.
Am Abend des 26. Aprils 1954 treffen sich einige Männer in
der Jockey-Bar in der Nähe des Kurfürstendamms in Berlin, Anlass ist die
Rückkehr ihres Freundes, des Majors Hans-Joachim Lepsius, aus sowjetischer
Kriegsgefangenschaft. Als Gastgeber fungiert im Auftrag und gesponsert von des
Heimkehrers wohlhabendem Vetter, der selber verhindert ist, der
Werbefilmproduzent Hans Schott, die Runde wird vervollständigt durch den Maler
Fritz Georg Hesselbarth und den Schauspieler Bob Arnoldis. Zu später Stunde
gesellen sich der trinkfesten Runde weitere Teilnehmer hinzu, und am hellen
Morgen, so lange dauert das Treffen, taucht dann auch noch Barbara Bibiena
genannt Babsy auf, eine von allen gleichermaßen verehrte Frau, «Sie ist nach wie
vor so schön, dass ihr Anblick Kranke heilen kann» heißt es im Roman. Die
Vorlage für seine Figur, ließ der Autor wissen, lieferte ihm die Miss Germany
von 1950, Susanne Erichsen.
Nach Art von Boccaccios «Decamerone» werden an diesem Abend
Geschichten erzählt oder vorgelesen, beginnend mit dem Kriegstagebuch eines
verschollenen Freundes, der den deutschen Einmarsch 1941 in Russland und die
SS-Gräuel, die er dabei miterlebt hat, sehr anschaulich beschreibt. Von der weit
angenehmeren, da kampflosen Etappe im besetzten Norwegen erzählt ferner eine
Spionage-Geschichte, die Gespräche der Fahrgäste einer Busfahrt wiederum zeugen
sehr real von den profanen Alltagsproblemen des damals noch Ostzone genannten
Arbeiter- und Bauern-Paradieses. Eine in den Siebenjährigen Krieg, in die
Schlacht bei Kunersdorf 1759 zurückreichende Geschichte aus der Chronik der
Familie Bibiena wird verlesen, eine weitere Episode um ein Soldatengrab vom Ende
des Zweiten Weltkriegs im Wald nahe Berlin wirft einige Rätsel auf. Ferner wird
eine höchst amouröse Geschichte aus Italien erzählt sowie eine eigentlich
unmögliche Romanze aus einem amerikanischen Gefangenenlager in Frankreich. Meist
stehen übrigens Frauen im Zentrum dieser Geschichten, als roter Faden quasi
wirkt dabei die Figur der Babsy, die immer wieder mal auftaucht in den
verschiedenen Erzählungen, sie ist bis zum glücklichen Ende präsent.
Äußerst virtuos spannt Hans Scholz die Fäden seines Plots
zwischen den Figuren sowie zwischen den Epochen, in denen sie agieren, zu einem
dichten Handlungsnetz zusammen, wobei ein mosaikartiges Bild Berlins und der
beiden Deutschlands entsteht. Er benutzt dabei sprachlich eine Melange aus
gehobenem Berlinisch, dem gemäßigten Dialekt gutbürgerlicher Kreise also, einen
sehr saloppen Kasino-Jargon der Militärs, die ironisch übertriebene, fast schon
snobistische Sprechweise äußerst gutgelaunter Intellektueller, die
Musikersprache sowie das Idiom einschlägig geprägter Barbesucher. Er habe, sagte
Scholz dazu, «nur aus meinen ewigen Saufereien ein bisschen Kapital geschlagen»
für seinen Roman. Geistreicher Witz mithin ist das beherrschende Stilmittel
dieses Ausnahme-Erzählers, der die Menschlichkeit selbst in den bedrückenden
Passagen seiner Geschichten obsiegen lässt, eine erzählerische Meisterleistung,
wie das Feuilleton damals jubelte, - auf Augenhöhe mit Tucholsky, füge ich
hinzu! Die lebensecht beschriebenen Teilnehmer dieser ebenso feuchtfröhlichen
wie intellektuellen Tafelrunde jedenfalls bleiben dem schmunzelnden Leser noch
lange nach der Lektüre sehr angenehm im Gedächtnis.
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