Die
Literatur im Fokus
Der literarische Durchbruch gelang der britischen
Schriftstellerin Antonia Susan Byatt durch ihren Roman «Besessen», er
wurde 1990 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet und avancierte schnell
zum Bestseller im englischsprachigen Buchmarkt. Drei Jahre später
erschien er in deutscher Übersetzung, und damit erschien überhaupt
erstmals ein Roman dieser bis dato am meisten
unterschätzten britischen Autorin auch in Deutschland. Von der Kritik
wurde er überwiegend positiv beurteilt, vom total begeisterten Marcel
Reich-Ranicki gar als Jahrhundertroman apostrophiert. Und das, obwohl er
literarisch in jeder Hinsicht ein kompliziertes, hoch komplexes Werk ist
mit einer Fülle von Zitaten, Andeutungen und Verweisen. «Ich wollte
immer etwas Kompliziertes schreiben» hat die Autorin im Interview dazu
erklärt. Wartet hier also auf mehr als 600 Seiten ein intellektuelles
Fitnesstraining auf den potentiellen Leser?
Im Milieu der Literaturwissenschaft angesiedelt,
beginnt diese äußerst gekonnt erzählte und bis zum Schluss spannend
bleibende Geschichte eines großen Geheimnisses mit einer Trouvaille.
Roland Michell, der über den viktorianischen Poeten Randolph Henry Ash
promoviert hat, findet in der London Library in einem Buch, das einst
Ash gehörte, Entwürfe von dessen Hand für einen Brief an eine nicht
genannte Dame. Sein Forscherdrang ist geweckt, er begibt sich auf eine
komplizierte Suche, studiert Tagebücher, Briefe und Gedichte auf
versteckte Hinweise und vermutet schließlich die kaum bekannte
Schriftstellerin Christabel LaMotte als Adressatin der Briefentwürfe.
Und tatsächlich kann er mit Hilfe seiner Kollegin Maud Bailey belegen,
dass die beiden sich gekannt haben mussten, - ja, mehr als das! Die
akribischen Recherchen im Literaturmilieu lesen sich wie eine verzwickte
Detektivgeschichte, unermüdlich tragen die jungen Wissenschaftler ein
Puzzleteilchen nach dem anderen zusammen und fügen sie zu einem
stimmigen Bild, welches einige der Gewissheiten über den im
literarischen Rang mit Goethe gleichgestellten britischen Lyriker Ash
widerlegt. Die schriftlich fixierten Ergebnisse der gemeinsamen
Recherche bringen dem bis dato erfolglosen Hilfsassistenten Roland
Michell nicht nur Angebote für lukrative Stellungen gleich dreier
Universitäten, er kann schließlich sogar das Herz seiner spröden
Mitstreiterin Maud gewinnen.
Die zweite der kunstvoll ineinander verschachtelten
Erzählebenen wird fast komplett mit Zitaten aus Tagebüchern,
Briefwechseln und Werken der beiden viktorianischen Dichter, aus Märchen
und anderen Quellen des 19ten Jahrhunderts bestritten. All das ist
fiktiv, auch wenn es authentisch wirkt! Das Leitmotiv bildet dabei die
Sage von Melusine, deren Tabubruch hier als Motiv im Feminismus
gespiegelt wird, aber auch Kunst, Wissenschaft sowie erregende,
übernatürliche Kräfte werden thematisiert. Letztere sind als
Besessenheit ja sogar titelgebend, die – in ihrer nur vage angedeuteten
Leidenschaft – kurze Liaison der beiden Poeten verstößt gegen jede
Vernunft und hat dramatische Folgen.
Mit seiner raffinierten narrativen Struktur ist
«Besessen» nicht nur hoch komplex, es ist auch ein geradezu
archetypischer englischer Roman, dessen schwarzer Humor insbesondere in
der höchst amüsanten, ironischen Schilderung der Literaturwissenschaft,
ihrer Akteure, Methoden und abseitigen Forschungsgegenstände zum
Ausdruck kommt. Antonia Susan Byatt hat vor allem den sprachlichen
Wechsel zwischen den mehr als ein Jahrhundert auseinander liegenden
Erzählzeiten bravourös gemeistert. Wobei allerdings die altmodisch
betuliche Ausdrucksweise, aber auch die vielen Seiten in Versform für
heutige Prosaleser eine ziemliche Hürde darstellen dürften. In diesem
Roman zweier zeitlich mehr als ein Jahrhundert auseinander liegender
Liebesgeschichten ist der Hauptakteur das geschriebene Wort. Die
Literatur vor allem also steht im Fokus dieser ebenso geistreichen wie
unterhaltenden und bereichernden, am Ende auch sehr berührenden Lektüre.
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