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Ortaia

Forum für niveauvolle Belletristik

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Randnotiz

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Pro domo geredet

 

«Du bist doch auch literatur-affin», hatte die Organisatorin unseres Münchner Gesellschaftsclubs mich listig angesprochen, und schon hatte ich einen neuen Job, einen zweiten Lesekreis zu gründen nämlich. Ich hatte mir vorher schon angewöhnt, über jedes Buch eine Rezension zu verfassen, um in den Diskussionen meine Meinung kurz zusammengefasst vortragen zu können, und ich hab dann auch begonnen, diese Rezensionen bei Amazon zu veröffentlichen. Nach einer Weile ist daraus eine eigene Website entstanden. Zunächst nur für mich, denn mit der Zahl der Buch-Besprechungen wurde es immer schwieriger, den Überblick zu behalten bei den vielen Einzeldateien. Und um schnell mal was zu finden hat sich das html-Format ja geradezu angeboten mit seiner komfortablen Möglichkeit zur Verlinkung. «Warum machst du das?» hat mich später eine Bekannte mal ungläubig gefragt, als ich ihr erzählte, dass ich über das Buch, welches sie mir geliehen hatte, eine Rezension geschrieben habe, die sie jederzeit im Internet nachlesen könne. «Weil's mir Spaß macht und weil ich's kann», war meine Antwort.

 

Kann man gleichermaßen bibliophil und bibliophob sein? Man kann, ich bin das beste Beispiel dafür! So sehr mich immer wieder der Inhalt von Büchern fasziniert, so wenig bin ich an dem Papier interessiert, auf dem sie gedruckt sind. Ich bin kein Sammler und mag auch keine Belesenheit demonstrieren durch massenhaft zur Schau gestellte Bücher. Also kaufe ich fast alles antiquarisch oder leihe mir oft auch Bücher nur aus. Bin dann aber auch immer heilfroh, wenn ich sie wieder los bin. Als Spende bei Oxfam zum Beispiel, für einen guten Zweck auch noch! Teilnehmer beim monatlichen Lesecafé in meinem Wohnzimmer haben immer erstaunt meinen bescheidenen Bücherschrank inspiziert, in dem Kochbücher, Reiseführer, Fotoalben, Lexika und Sachbücher dominieren und nur eine winzige, handverlesene Auswahl literarischer Werke zu finden ist.

 

Und wenn ich mal was nachschlagen will? Bei etwa hundert Büchern im Jahr verliert man schon mal den Überblick über das, was man gelesen hat. Und genau da helfen mir dann meine eigenen Rezensionen. Auch bei Diskussionen in literarischen Zirkeln habe ich sie immer alle dabei, ich brauche sie ja nur mit dem Smartphone auf ortaia.de abzurufen. Und was man selbst geschrieben hat, das prägt sich einem ungleich besser ein als alles, was man nur gelesen hat, eine pädagogische Binsenweisheit. Es ist ja die mühsam erarbeitete Essenz der Lektüre, so wie man sie, nach klärendem Nachlesen, ergänzender Recherche und Heranziehen von Sekundärliteratur, mit eigenen Worten und nach eigenen Kriterien aufgeschrieben hat, mit maximal 4000 Zeichen auf eine DIN A4-Seite komprimiert. Da kommt es dann durchaus schon mal vor, dass ich für die Rezension eines 200-Seiten-Romans mehr Zeit benötige als für die Lektüre selbst.

 

Wer sich an seine Schulzeit zurückerinnert, der weiß, dass ein überlegt erstellter Spickzettel durch klug gewählte Stichworte wahre Wunder der Erinnerung bewirken kann, von den Noten mal ganz zu schweigen. Etwas Ähnliches passiert, wenn man ein Buch nicht nur liest, sondern auch sorgsam rezensiert, es prägt sich einfach besser ein.

 

Worüber ich hier so wohlgemut pro domo rede, das ist nichts weiter als ein diskreter Blick hinter die Kulissen eines, was die materielle Seite anbelangt, atypischen Buchkritikers. Der gleichwohl gerne gesteht, dass er als Medium seiner Lektüre immer noch einzig und allein auf das papierne Buch setzt. Das nämlich kann er vor Wut auch einfach mal an die Wand schmeißen, - mit wohltuend befreiender Wirkung!

 

 

 

 

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