«Leser
mir nach!»
Unter dem Titel «Meister und Margarita» ist der
Jahrhundertroman des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow 1966
posthum in einer radikal zensierten Fassung erstmals erschienen,
unlektoriert und nicht von eigener Hand fertig gestellt. Nach einem
atemberaubenden Blitzstart ist er dort gleichwohl zum meistgelesenen
Roman des Zwanzigsten Jahrhunderts avanciert, ein
literarischer Geniestreich ohne gleichen. Die Zahl der Arbeiten, die
sich bis heute mit ihm wissenschaftlich befassen und um eine plausible
Deutung ringen, ist inzwischen Legion. Dieser russische Jahrhundertroman
nun ist 2012 in einer kongenialen Neuübersetzung erneut auf Deutsch
erschienen, Felicitas Hoppe hat ihm aus diesem Anlass ein ebenso
lesenswertes wie geistreiches Nachwort unter der Überschrift «Leser mir
nach – du bist frei!» gewidmet. Worin liegt denn nun die große
Faszination dieses Werks?
Natürlich vor allem im mystischen Faust-Thema, das
schon im Titel anklingt und dem Roman mit einem Goethe-Zitat als Motto
deutlich vorangestellt ist. Dem Faust nämlich entspricht hier der
«Meister», und dem Gretchen «Margarita». Der Magische Realismus
Bulgakows hat den Stoff allerdings in einer radikal neuen Sichtweise
aufgegriffen und dessen Thematik in eine unbekümmert groteske,
satirische Form gebracht, die im Verbund mit einer überbordenden
Phantasie einen ebenso großen Anteil an der begeisterten Rezeption
dieses Werkes haben dürfte. «Es war Frühling, eine heiße Dämmerstunde am
Patriachenteich» lautet der inzwischen berühmt gewordene erste Satz des
Romans. Die zwei Herren, die dort sitzen, sind der Vorsitzende der
Moskauer Autorenvereinigung und der Schriftsteller Iwan Nikolajewitsch
Ponyrjow. Sie diskutieren über Iwans antireligiöses Poem, es geht um
Metaphysisches, um Jesus und um Gottesbeweise, als sich plötzlich ein
Ausländer in ihr Gespräch einmischt, ihnen die Leviten liest und
nebenbei erwähnt, er habe schon mit Kant gefrühstückt und kenne Pontius
Pilatus persönlich. So beginnt unter dem Titel «Reden Sie nie mit
Unbekannten» das erste Kapitel. Dieser Fremde ist Woland, Professor der
schwarzen Magie, in Wahrheit der unter verschiedenen Masken auftretende
leibhaftige Satan, der in Folge mit seiner abenteuerlichen Entourage
binnen kürzester Zeit in Moskau ein heilloses Chaos mit zwei Toten
anrichtet, viele Menschen in Panik versetzt und alle Behörden kläglich
scheitern lässt.
Der «Meister» ist Insasse einer Psychiatrischen
Klinik und kennt seinen Namen nicht. Er hatte an einem Roman über
Pontius Pilatus geschrieben, als er «Margarita» kennenlernte, eine
verheiratete Frau, die seine große Liebe wird. Als sein Roman von der
Kritik verrissen wird, verbrennt er ihn, verfällt in Wahnsinn, Margarita
und er werden getrennt. Einer von Wolands Helfern macht ihr ein
unmoralisches Angebot, erhebt sie zur Königin an der Seite des Teufels
bei einem riesigen, der Walpurgisnacht ähnelnden Ball, fortan gehört sie
als Hexe zur Begleitung Satans. In mehreren Kapiteln wird parallel aus
dem Roman des «Meisters» über Pontius Pilatus erzählt, wobei die
Hinrichtung hier völlig entmystifiziert geschildert wird und Jesus als
naiver Gutmensch erscheint. Am Ende treffen sich beide Handlungsstränge,
als der «Meister» und Margarita nach ihrem Tode von Woland nach
Jerusalem geführt werden, wo der depressive Pontius Pilatus einsam und
verlassen mit seinem Hund in der Wildnis vor der Stadt sitzt, - und alle
werden genau dort erlöst!
Liebe, Vergebung, Erlösung sind die großen Fragen in
Michail Bulgakows Philosophie. Mit Kunst und Künstler wird ein weiteres
Thema abgehandelt, die unheilvolle Bürokratie im aberwitzigen
Überwachungsstaat der 1930er Jahre unter Stalin wird nur indirekt auf
amüsante Weise angeprangert. Ein umfangreicher Anhang hilft beim
Verstehen vieler spezifisch russischer Details, der immense Lesespaß
aber beruht zu einem nicht unwesentlichen Teil auch auf der
wohldurchdachten, frischen Übersetzung. «Leser mir nach!» rufe auch ich.
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